„Vor dem Fest“: Saša Stanišić gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse

Saša Stanišić, Jahrgang 1978, ist eines dieser schriftstellerischen Ausnahmetalente, die ihre Leser und Hörer zugleich verblüffen, verstören, verzaubern, ja: verändern können. Das Hörbuch zu seinem herausragenden Roman „Vor dem Fest“ hat er für uns selbst im Studio eingesprochen. Gründe genug für ein Gespräch mit dem frisch gekürten Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2014 in der Kategorie „Belletristik“:

Geboren wurden Sie in Bosnien, als 14-Jähriger mussten Sie mit Ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg fliehen, die Fremdsprache Deutsch haben Sie in Heidelberg offenbar schnell und mühelos gelernt. Was bedeutet es für Sie, nicht in Ihrer Muttersprache zu schreiben?
Die Sprache ist für uns Schriftsteller natürlich das allerwichtigste Werkzeug und deren Beherrschung – so gut, wie es geht – wahnsinnig wichtig. Ich habe das Gefühl gehabt, immer schon eigentlich, seit meinen ersten Gehversuchen auf Deutsch zu schreiben, dass ich da vieles finde, was ich in meiner eigentlichen Muttersprache nicht finde. Und das hat sich später auch bestätigt. Damit meine ich: Das Deutsche ist eine sehr flexible, sehr formbare Sprache – schon allein, wie leicht einem die Neuwortbildungen im Deutschen von der Hand fallen [Gesagt, getan – dieser Satz spricht für sich!], wie gut – durch reine Veränderung der Wortfolge in einem Satz – Betonungen und Bedeutungen geschaffen werden. Das gibt mir als Autor einfach viele, viele Möglichkeiten, mit der Sprache als Werkzeug zu spielen, damit zu arbeiten, Charaktere sprechen zu lassen, in einer Weise, die authentisch ist. Oder einfach auch innerhalb der Sprache zu spielen – das konnte ich mit meiner Muttersprache eigentlich relativ bald nicht mehr. Inzwischen bin ich aber dankbar, dass ich beides parat habe, sowohl das Bosnische als auch das Deutsche, weil man zum Beispiel durch Übersetzungen von Redewendungen, die es in der einen Sprache gibt und in der anderen nicht, auch neue Bedeutungen kreieren kann. Das ist ganz schön, wenn einem zwei Sprachen zur Verfügung stehen – es ist, als hätte man noch einen zweiten Ball, mit dem man als Schriftsteller spielt.

Haben Sie literarische Vorbilder?
Vorbilder als solche natürlich viele. Damit meine ich eher Autoren, die ich gut finde – seien es Lyriker oder Romanautoren. Ich versuche aber meistens Sachen zu lesen, die mit dem Thema, an dem ich gerade arbeite, nichts zu tun haben. Da beschränke ich mich auf die Sachbuchliteratur. Es gibt ein paar sehr, sehr gute Autoren im englischen Sprachraum, vor allem in Nordamerika, die mir momentan viel bedeuten. Einer von denen ist Willy Vlautin, der wunderbare Bücher schreibt über den Süden Amerikas, in denen es eben um Milieus geht, um kleine Städte, um sehr beschränkte Communities, seien es die Drogenabhängigen oder sei es das Pferdewettrennen-Publikum. Er portraitiert sie in einer Weise, die ich wirklich sehr bewundere: Diese Art, als Autor in ein Milieu hineinzusteigen und dann herauszukommen mit einem Buch, das mir das Gefühl gibt, ich bin als Leser mittendrin … das lieb ich sehr. Für dieses Buch jetzt gerade [„Vor dem Fest“], ist ein riesiges Buch namens „Die Uckermark“ ein Vorbild. Das ist ein Sachbuch, das die uckermärkische Geschichte seit ihren Anfängen im 11. Jahrhundert bis ins 17. oder 18. Jahrhundert behandelt. Die Autorin ist derart an Geschichten interessiert, dass sie immer wieder kleine Anekdoten aus ihrem reichhaltigen Fundus erzählt. Ich finde interessant, was unter den Ebenen einer Geschichte an einer ganzen Gegend zu finden ist: an menschlichen Tragödien, an Alltags-Anekdoten, an Streitereien um einen Ochsen, … Das macht sie mit einer großen Lust und Vergnügen und, wie ich finde, auch Talent, nicht nur für die geschichtliche Recherche, sondern auch für das Erzählen von Geschichten. Das ist, finde ich, wirklich ganz großartig.

Seit Ihrem letzten Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ sind ein paar Jahre vergangen. Wie erging es Ihnen in der Zwischenzeit?
Der Roman war ein Erfolg, der von niemandem, am allerwenigsten von mir, so erwartet wurde. Das bedeutete für mich – durch die zahlreichen Übersetzungen, ich glaube, es sind inzwischen 30 –, dass ich mit dem Buch um die ganze Welt gegangen bin. Lesungen, Gespräche, Diskussionsrunden – all das war deswegen wichtig, weil das Buch doch relativ politisch war und ich ja mit der Thematisierung des bosnischen Bürgerkriegs das Gespräch suchen wollte. Das hat sicher zwei, drei Jahre in Anspruch genommen, in denen ich gleichzeitig auch als Reiseautor unterwegs war für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Damals war das ein sehr stark biographischer Roman und heute, mit dem neuen Buch, ist die Geschichte absolut und gar nicht biographisch und ich merke, dass es mir damals sehr viel leichter gefallen ist, aus meinem eigenen inneren, persönlichen Archiv Geschichten zu finden, während ich jetzt Geschichten und Anekdoten bei anderen suchen muss.

Woher nehmen Sie die Ruhe, Ideen für neue Bücher zu entwickeln?
Ich glaube, dass sehr viel davon aus Begegnungen kommt, aus Gesprächen mit Leuten, die ich unterwegs treffe, und dass dieses Unterwegssein mir tatsächlich auch die banale Tür zur Welt öffnet und dort zu Geschichten führt. Ich glaube, sehr viel von dem, was mich in meinen Texten interessiert, hat jemanden vor mir auch interessiert, der mir davon erzählt hat. Da ist ein Enthusiasmus, der mich bei Leuten ansteckt und in mir ein Interesse weckt, mich bestimmten Themen zu widmen.

Der Roman spielt in einem Dorf in der Uckermark. Wie kam es dazu?
Am Anfang gab es nur eine Idee. Diese Idee hatte noch keinen konkreten Ort. Ich wollte mir gerne eine Geschichte überlegen, in der die Geschichten sich der Menschen annehmen und im Laufe einer Nacht Besitz von ihnen ergreifen, so dass sie für etwa zwölf Stunden in eine Art Dauererzählzustand verfallen, wie eine Art Virus. Und ich wollte dafür ein Dorf haben, also eine sehr begrenzte geografische Gegend, eine sehr schöne Gegend. Ich hatte bestimmte Vorstellungen, wie das Dorf aussehen sollte: Es sollte zwei Seen geben, es sollte natürlich auch eine reichhaltige Geschichte in lokalen Mythen und Sagen haben, es sollte ein bisschen außerhalb von großen Städten sein, dass Sie es nicht mit der S-Bahn erreichen können. In einer Runde in Berlin gab‘s dann eine Freundin, die sagte: „Du, das Dorf gibt’s schon!“ Und ich so: „Ja wie, das gibt’s schon?“ „Ja, ja, das ist Fürstenwerder, das ist in der Uckermark, da gibt‘s zwei Seen, da gibt’s ein Haus der Heimat, oder ein Heimatmuseum, ich nehm‘ dich da mal mit, da machen wir immer Urlaub.“ Ja, und dann sind wir da mal hingefahren und es war genau so, wie ich‘s mir ausgedacht hatte, in dieser Abgeschlossenheit, in dieser reichhaltigen Geschichte, als Grenzort zwischen Mecklenburg und Brandenburg, als bewährtes Dorf mit einer Art mythischer und Sagengeschichte ausgestattet, die es mir sehr leicht gemacht haben, diese Nacht zu erschaffen, in der die Geister der Vergangenheit durch die Gegend laufen.

Wie wichtig ist Ihnen Wahrheit in der Literatur und was bedeutet es andererseits für Sie, Phantasie zu haben?
Bei diesem Projekt ist das eine Frage, die ich mir tatsächlich jeden Tag stelle. Ganz egal, wieviel ich mir ausdenke, wieviel Phantasie ich in diese Geschichte lege – trotzdem habe ich ein Gefühl von Wahrheitsanspruch dem Dorf gegenüber, das es wirklich gibt. Das ist wirklich eine schwierige Frage: Wenn ich Personen als Vorbild nehme, ihre Biografie dann aber so ändere, das sie meinem Buch passen, dann frag‘ ich mich, warum mach ich das, mit welchem Recht habe ich diesen Schritt unternommen, warum lasse ich die Biografien dieser Personen nicht so, wie sie sind, wenn sie interessant genug sind – und oft sind sie es. Da ist auch eine bestimmte Angst, den Leuten nahezutreten, ich möchte ja niemanden vorführen, im Gegenteil, ich schaffe ja eine ganze Mythologie von einem Dorf neu, das heißt, ich schaffe auch ihre Protagonisten neu. In dieser Nacht sind Leute unterwegs, die dort nicht leben. Und es ist für mich wahnsinnig schwierig, einzuschätzen, welcher Teil meiner Geschichte soll wirklich authentisch und wahr sein und welcher Teil Fiktion. Inzwischen bin ich aber etwas freier geworden und habe das Gefühl, dass ich doch einen relativ starken Drang dazu habe, mir Geschichten von Null aus auszudenken. Deswegen heißt der Ort auch nicht mehr so, wie er in Wirklichkeit heißt, und sogar die Daten seiner Geschichte sind verändert. Aber es gibt durchaus Kapitel der echten Geschichte, die mir so unwahrscheinlich vorkamen oder so spannend, dass ich sehr wenig daran ändern musste, um sie zu guten Geschichten zu machen. Ich finde, jetzt habe ich einen guten Wechsel zwischen Wahrheit und Fiktion gefunden, den ich auch vertreten kann, wenn ich mal vor den Leuten dort lesen sollte.

Interview © im Auftrag von der Hörverlag und Luchterhand Verlag
Foto: © Katja Sämann

Zum Preis der Leipziger Buchmesse

Hier könnt Ihr Euch das vollständige Interview anhören:

Hier geht’s zur Hörprobe:

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