„Ist das bitter? Sagen Sie’s mir.“ Liefers liest Boyle

T.C. Boyles Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ vereint nicht weniger als vier Schiffbrüche, elf Tote, atemlose Spannung und die Frage, welches Leben überleben darf, im erbitterten, radikalen Feldzug zweier Umweltschützer. Wir haben mit dem vielbeschäftigten Autor zwischen München und Santa Barbara ein Gespräch geführt – über die Guten und die Bösen, die Zeit des Spaßes und die Zeit der Abrechnung und natürlich über seinen Seelenfreund Jan Josef Liefers, der für den Hörverlag das Hörbuch eingelesen hat.

Mr. Boyle, als Sie ein Kind waren, wer wollten Sie beim Spielen lieber sein: der Gute oder der Böse?
Also, das kommt ganz darauf an, welches Alter man mit „Kind“ meint. Als kleiner Junge habe ich mich sicherlich zu den Guten hingezogen gefühlt; als unzufriedener Teenager mag es mich ein klein wenig in die andere Richtung getrieben haben.

Kann man bei Ihrem neuen Roman “Wenn das Schlachten vorbei ist” überhaupt von DEN Guten oder DEN Bösen sprechen? Und wie kann sich der Leser/der Hörer zwischen diesen beiden Fronten entscheiden?
Ich nehme an, es gibt das reine Böse auf dieser Welt, und es gibt Autoren, die es erkennen (denken Sie an das Universum Flannery O’Connors). Aber was mich betrifft, so finde ich es weniger interessant, in solchen Polaritäten wie gut/böse, schwarz/weiß zu denken, als vielmehr meine Figuren mit derart unklaren Moralvorstellungen auszustatten, wie sie vielen von uns gewöhnlichen Menschen eben zueigen sind. Sind die Guten wirklich so gut? Und umgekehrt: Sind die Bösen wirklich so böse? Weit besser für den Leser und Hörer von “Wenn das Schlachten vorbei ist“ ist, für sich selbst zu entscheiden.

Braucht es manchmal Radikalität, um Ziele zu erreichen?
Ich habe mich vorher mit der Vorstellung beschäftigt, außerhalb des Gesetzes zu stehen, um Fragen zu Verbrechen gegen die Natur zu behandeln – nicht nur in „Wenn das Schlachten vorbei ist“, auch in früheren Erzählungen wie „Fleischeslust“ und Romanen wie „América“ und „Ein Freund der Erde“. Die Radikalen kommen vielleicht nicht so gut dabei weg, die Firmen oder Einzelpersonen, die für den Angriff auf unsere Umwelt verantwortlich sind, aber genauso wenig. Die größere Frage in „Wenn das Schlachten vorbei ist“, heißt: Was gibt unserer Spezies das Recht, alle anderen zu dominieren?

Manche sagen, „Wenn das Schlachten vorbei ist“ sei Ihr bisher bitterstes, wütendstes Werk und dass es Ihnen noch nie so ernst gewesen sei. Würden Sie dem zustimmen?

Ich freue mich sehr, das zu hören, aber in meinen Augen ist der Roman nicht bitterer als irgendetwas anderes, das ich geschrieben habe. Vielleicht möchten die Leute, dass ich ihnen erzähle, dass alles gut ist und wir alle glücklich leben werden bis ans Ende unserer Tage, jeder letzte Mann, jede letzte Frau, Ratte, Zecke, jeder Floh unter uns. Aber die Tatsachen unserer Sterblichkeit und des Schadens, den wir der Umwelt, die uns versorgt, zugefügt haben, sind unbestreitbar. Die Zeit der Abrechnung naht. Sind das gute Neuigkeiten? Ist das bitter? Sagen Sie’s mir.

Jan Josef Liefers liest T. C. Boyle: Das jedenfalls ist immer eine gute Neuigkeit, ob im Hörbuch oder auch live auf Lesetour. Was verbindet Sie beide?

Jan Josef und ich hatten eine mordsgute Zeit. Ich wünschte, wir hätten mit dieser Show weitermachen können: durch die deutschsprachigen Länder und hoch nach Lappland, hinüber nach Island, dann auf die Bahamas runter und den Amazonas rauf. Es war die reinste Freude. Wir denken ähnlich. Wir lachen ähnlich. Wir mögen Bier. Wir mögen Frauen (ähem: unsere Ehefrauen, meine ich). Wir mögen Rock and Roll. Was gibt es sonst noch?

Und Sie mögen seine deutschen Lesungen?
Es ist für mich ein großes Vergnügen, auf unserer Deutschlandtournee dem englischen Text zu folgen, während Jan Josef aus dem deutschen Text vorliest – so dass ich nicht nur eine Deutschstunde bekomme, sondern die gesamte Performance. Es ist wundervoll. Ich kann jeder Nuance und jedem Tonfall folgen und dabei ins Publikum schauen und fühlen, wie sie sich alle auf den Text einlassen. Also kurz: ja. Und zwar gewaltig!

Interview: der Hörverlag

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