Oliver Kalkofe als berühmtester Detektiv aller Zeiten

Schon als Kind sei er mit Fingerabdruckpulver und Rückwärtsbrille durchs Haus geschlichen. Heute liest der beliebte Comedian und Schauspieler Oliver Kalkofe für den Hörverlag die Fälle des berühmtesten Detektivs der Weltgeschichte: Sherlock Holmes. Wir trafen ihn während der Studioaufnahmen zum Interview.

Herr Kalkofe, besitzen Sie selbst auch detektivische Qualitäten?
Nein, aber ich wollte immer Detektiv werden, schon als Kind. Das war eigentlich mein erster Traumberuf, weil ich immer Krimi-Fan war. Damals gab es ja noch nicht so viele „Thriller“ wie heute, sondern eher den klassischen Kriminalroman. Von denen war ich aber wirklich immer begeistert – sowohl im Fernsehen als auch als Buch. War dann später großer „Drei ???“-Fan, wollte auch einen Detektiv-Club gründen, hatte auch kurzzeitig einen … wir waren der „Detektivclub Grüner Kakadu“ [lacht]. Wir haben uns einmal die Woche getroffen – um Kuchen zu essen, zu spielen und Plakate zu malen, die wir dann in der Straße aufgehängt haben. Aber es ist leider nie zu einem wirklichen Fall gekommen, ich warte heut noch drauf [lacht].

Wie muss man den Tag beginnen, wenn man weiß, man wird gleich die berühmtesten Fälle des berühmtesten Detektivs einlesen?
Es hat mich selber sehr gewundert, aber ich muss jetzt nicht Filme kucken oder ‘ne Mütze tragen oder Pfeife rauchen oder Kokain nehmen wie Sherlock Holmes, um in diese Stimmung zu kommen. Da ich ein Riesenfan von solchen englischen Geschichten bin, ist es komischerweise so – egal ob bei Agatha Christie oder bei Doyle –, dass das sehr schnell und sehr automatisch funktioniert. Und wenn man da erstmal eingetaucht ist, dann kommt man nicht so schnell wieder raus.

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Wer ist Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes eigentlich?
Ich hab‘ früher ja hauptsächlich die Filme gesehen. Ich hab einige der Geschichten gelesen, aber nicht alles, und das ist mindestens 25 Jahre her … Als ich mich jetzt zum ersten Mal wieder an die Original-Geschichten machte, musste ich erkennen, dass Sherlock Holmes eine viel interessantere und ironischere, coolere Figur ist, als ich es die ganzen letzten Jahrzehnte gedacht habe. Bisher war es immer ein eher ruhiger, dröger, etwas älterer, sehr in sich gekehrter Mann. Wenn ich jetzt die Geschichten lese, sehe ich, er ist der lebendigste von allen! Er ist derjenige, der begeistert ist, der mit wachen Augen alles beobachtet, der sich freut und nachdenkt und ein bisschen spöttisch den Rest der Welt betrachtet. Das finde ich an der Figur so spannend.

Und Dr. Watson?
Watson ist der durchschnittliche Jedermann, das ist ja auch sein Job. Der das alles beobachtet, aber auch nicht ganz so tumb und dumm ist, wie er in manchen Filmen dargestellt wird. Er versucht immer, Holmes nachzueifern, kommt da aber halt nicht so ran. – Was aber auch ganz wichtig ist: Es ist die erste Buddy-Geschichte der Literatur: wo zwei unterschiedliche Charaktere zusammenkommen und dann aber als gute Freunde gemeinsam die Fälle lösen.

Wer wären Sie lieber: Sherlock Holmes oder Dr. Watson?
Also ehrlich gesagt: Dann wäre ich schon gerne Holmes. Obwohl ich mich nicht mit ihm messen könnte, das gebe ich ja offen zu, aber: Ich würde es gern versuchen. Und ich glaube, wenn, wäre ich auch eher der unruhige Geist, der nach jeder Kleinigkeit sucht. Dieses wirkliche Erforschen-Wollen, was dahintersteckt, das finde ich das Faszinierende an der Figur Holmes.

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Wann haben Sie Arthur Conan Doyle das erste Mal gelesen?
Ich glaube, es war „Der Hund von Baskerville“, und ich weiß, dass ich als Jugendlicher – so 14, 15 war ich da – auch sehr begeistert war von den Edgar-Wallace-Verfilmungen im Fernsehen. Ich hatte dann auch ein Buch mit Kurzgeschichten, hab die aber irgendwann dadurch, dass es so viele Verfilmungen gab und man dann die Geschichten schon kannte, nicht mehr alle nachgelesen. Jetzt macht es wieder richtig Spaß, sie neu zu entdecken.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte?
Das ist schwer zu sagen, denn jede Geschichte hat einen ganz anderen Reiz. Man muss sich in die Zeit zurückversetzen, das ist das ungemein Spannende. Man kriegt wieder einen ganz anderen Blickwinkel auf Dinge: wie die Menschen damals getickt haben, was wichtig war, wie deren Leben funktionierte. Und dann sind es natürlich auch die klassischen Fälle: ein Mord oder eine Geschichte, die einfach schön vertrackt ist.

Was für eine Erklärung haben Sie für den bis heute ungebrochenen Hype um Sherlock Holmes?
Holmes und Watson sind archetypische Figuren. Die funktionieren einfach in sich, egal in welcher Zeit. Man hat zwei Figuren, einen Überintelligenten und einen „Normalbürger“, die charakterlich anders sind – daraus entstehen alle guten Geschichten, ob in der Literatur oder im Film. Und diese beiden Figuren sind diejenigen gewesen, die den Schnittmusterbogen für alle späteren vorgelegt haben – auch ein Hercule Poirot wäre nicht möglich ohne einen Holmes! Dazu kommt natürlich noch, dass Holmes durch die ganzen Verfilmungen und Bilder auch sowas wie ein Superheld ist. Wie ein Superheld ein festes Kostüm hat, kennt man auch das „typische Holmes-Kostüm“: die Mütze und den Umhang und die Pfeife, man weiß, er wohnt in der Baker Street und ähnliche Geschichten – das alles hilft, um daraus einen Mythos zu spinnen. Holmes hat für alle Kriminalisten und für alle Detektive der Welt den Anstoß gegeben und ist für alle das große Vorbild. Und deswegen wird er auch die Zeit überdauern.

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Diese besondere Spannung, gepaart mit Humor – können nur die Briten das?
Ich glaube, dass man das schon so sagen kann: Dass die Briten mit der Kriminalliteratur irgendwie ganz besonders verwachsen sind. Und man fragt sich, warum. Die Briten haben immer, im ganzen Leben, Dinge mit Humor und mit einer gewissen Ironie genommen haben, anders als andere Länder. Dann auch diese großen Unterschiede der Stände in den vergangenen Jahrhunderten, die Königin, das Königshaus, die ehemalige Pracht, quasi die ganze Welt fast beherrscht zu haben und dann aber wieder auf die kleine Insel zurückgedrängt worden zu sein. Diese vielen Widersprüche, dazu noch der Nebel, der ja in den alten Geschichten immer eine große Rolle spielt – diese ganzen Zutaten haben da natürlich Kriminalgeschichten ganz anders wachsen lassen als woanders. Heute hat man auch noch die ganzen skandinavischen Krimis, die eine ganz eigene Welt erschaffen haben, eine düstere, weil dort die Welt eben auch wieder anders aussieht. In Deutschland hatten wir immer eher die Beamtenmentalität.

Was war Ihr erster Gedanke, als wir Sie gefragt haben, ob Sie für uns Sherlock Holmes einlesen?
Nachdem ich von Agatha Christie ja nun schon einiges lesen durfte, mit sehr, sehr großer Freude, war der erste Gedanke: Oh super, der große Mythos Holmes, dass ich den lesen darf! Gleichzeitig hatte ich aber auch ein bisschen Angst und dachte: Wird’s mir genauso viel Spaß machen wie Agatha Christie? Als ich dann anfing, die Geschichten zu lesen, war ich innerhalb von Minuten begeistert. Wow, ich wusste nicht, wie gut die geschrieben sind! Was für eine tolle Sprache! Es ist sehr schwer zu lesen, weil manchmal ein Satz über eine halbe Seite geht, achtmal hin- und hergeschoben. Aber es macht einen wahnsinnigen Spaß, und es ist eine so schöne, poetische, bildhafte Sprache. Die Ausdrucksweise, weil sie schon über hundert Jahre alt ist, hat einfach einige wirkliche Überraschungen zu bieten! Nein, ich bin hochbegeistert davon!

Als Hercule Poirot und als Sherlock Holmes sind Sie der Meisterdetektiv des Hörverlags …
Ich muss sagen, dass mich das mit einem gewissen Stolz erfüllt: Dass ich jetzt zwei der größten Detektive der Welt für den Hörverlag lesen darf, das ist schon echt klasse, viel mehr gibt’s da auch gar nicht, die beiden größten hab‘ ich dann.

Gibt es Herausforderungen bei dieser Lesung?
Es gibt viele Herausforderungen. Es ist von allen Sachen, die ich gelesen habe, auf jeden Fall die bisher anspruchsvollste. Ich mache schon Schachtelsätze, aber was Arthur Conan Doyle macht, ist Wahnsinn! Das Zweite ist die Anhäufung der Begriffe, von denen man viele heute gar nicht mehr findet. Auch nicht im Internet. Wir haben recherchiert, und der Kai Lüftner, der die Regie ganz wunderbar macht, hat gesucht und gekuckt und geforscht, man findet nichts. Über ihn haben wir auch Kontakt zur Sherlock-Holmes-Gesellschaft. Das ist schon wirklich spannend, weil es eben eine ganz andere Epoche ist, die wir hier vor uns haben.

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Gibt es noch andere Genres außer Comedy und Krimi, die Sie interessieren?
Eigentlich interessiere ich mich für fast alle Genres, was Film oder Bücher angeht. Wobei ich allerdings zugeben muss, dass Krimi und Thriller schon auf Platz 1 steht – und Comedy natürlich auch, das ist andererseits aber auch mein Beruf geworden, deswegen bin ich da gar nicht mehr so unvoreingenommen wie früher. Was ich mir auch noch gut vorstellen könnte, auch mal zum Lesen, ist etwas, das ein bisschen in die Gruselecke geht: Horror, Gothic oder so. Ich bin früher großer Dracula-Fan gewesen. Dracula ist ja auch so ein Mythos, der so oft neu interpretiert worden ist, und jeder hat ihn wieder anders erschaffen und anders erzählt, ähnlich wie Frankenstein und solche großen Geschichten … das find ich auch alles sehr, sehr spannend.

Seit der „Mattscheibe“ schlüpfen Sie in die verschiedensten Rollen. Wie hat das angefangen? Waren Sie als Kind schon so?
Ja, ich war schon als Kind so. Dann bekommt man irgendwann den Titel „Klassenclown“, was, finde ich, ein bisschen abwertend ist. Denn es ist auch ein harter Job, die Leute immer zum Lachen zu bringen … Ich hab‘ allerdings nie, nie, nie gedacht, dass man das beruflich machen kann, sondern ging ganz fest davon aus, dass ich irgendeinen ganz langweiligen Beruf erlernen muss. Also, nachdem ich gemerkt hatte, dass eben Detektiv und Geheimagent und Superheld nicht so hundertprozentig funktioniert [lacht] … Das wär’s wahrscheinlich dann auch gewesen, wenn das Schicksal nicht so nett gewesen wäre und mich in die andere Richtung geführt hätte. Dass es dann später wirklich so geworden ist, dass ich fürs Spielen und Verkleiden und solche Sachen, die ich als Kind toll fand, auch noch Geld bekommen würde, das hätt‘ ich ja nie gedacht!

Wie viele Rollen geistern momentan in Ihrem Kopf herum?
Oh Hunderte! Also wenn ich allein das ankucke, was ich in der „Mattscheibe“ gemacht habe, da haben wir, glaube ich, über anderthalbtausend Sketche gemacht und davon sind so um die Tausend irgendwelche Verkleidungen gewesen. Also eine sehr multiple Persönlichkeit, die ich da habe [lacht].

Und werden Sie diese Stimmen am Ende des Tages auch wieder los?
Ich trag‘ sie immer ein bisschen mit mir rum, aber zum Glück nicht allzu lang. Auch Holmes und Watson möchte ich nicht wirklich sein – ich glaube, ich würde den Leuten sehr auf den Geist gehen, wenn ich plötzlich anfange, überall den Staub einzusammeln und zu analysieren … [lacht] Aber natürlich geht es im Kopf rum, das ja. Die Figuren lassen einen nicht los. Ich habe auch, um ehrlich zu sein, letzte Nacht von Holmes geträumt! Ich wachte auf, zweimal oder so, und weiß, dass ich gerade in dem Fall war. Ich weiß nur nicht mehr, in welchem …

Interview: der Hörverlag
Fotos: audioberlin.com/Matthias Scheuer

Mittlerweile sind alle 6 Teile von „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ als Hörbuch erschienen und Oliver Kalkofe ist weiterhin für unsere Hörbuch-Reihe „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ im Studio.

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