Jürgen von der Lippe besteigt den Rum Doodle

Natürlich besteigt Jürgen von der Lippe nicht wirklich den Rum Doodle. Aber er war für uns im Studio, hatte William E. Bowmans Bergsteiger-Kultsatire „Die Besteigung des Rum Doodle“ im leichten Gepäck und ordentlich Spaß beim Einlesen. Im Interview erzählt er Euch, warum. Hier aber erstmal was zum Warming-up, bevor es auf den Gipfel geht:

Juergen von der Lippe

Die grandiose Bergsteigersatire aus den 50er Jahren erzählt die abenteuerliche Geschichte einer Expedition, bei der so gut wie alles schiefgeht. Der ehrgeizige Leiter rekrutiert nach bestem Wissen und Gewissen sechs sehr britische Gentlemen, doch der Navigator verfehlt den Ort der Vorbesprechung und der Übersetzer versteht die Sprache der Einheimischen nicht – schon sind versehentlich nicht 3.000, sondern 30.000 Träger engagiert. Endlich unterwegs, ist der Arzt ständig krank und die Qualitäten des Kochs spotten jeder Beschreibung, der Hauptkletterer leidet an Antriebslosigkeit und immer wieder fällt einer von ihnen in eine Felsspalte. Ein Missgeschick jagt das nächste, bis dann am Ende – aber Moment mal – auf welchem Gipfel sind sie da eigentlich …?

Was ist für Sie an diesem Buch besonders spannend?
Jürgen von der Lippe: Der Autor hat ja England nie verlassen. Es liegt ihm also wahrscheinlich nichts ferner, als sich selbst solche Strapazen aufzubürden, und man merkt dem Roman natürlich die Freude des Theoretikers an, sich darin zu suhlen. Was so schön ist an dem Roman, dass er Non-Sense mit dieser großen Ernsthaftigkeit betreibt, die die Engländer entwickelt haben durch ihre ständige Pflege dieser Kunstrichtung. Es sind natürlich einfach sehr viele wahnwitzige Situationen, die toll sind: Einmal die Spannungsebene, also dieser tatsächliche Aufstieg, der ja im Grunde auch schiefgeht. Dann die Zusammenstellung der Mannschaft mit Leuten, die alle, bis ins Kleinste, ungeeignet sind für die Aufgabe, die sie sich selber zugedacht haben: angefangen beim Expeditionsleiter, der ja auch ein völliger Blödmann ist. [Lacht.] Und diese Missverständnisse, denen er da erliegt – das wird alles mit so großer Ernsthaftigkeit durchgezogen, das ist schon großartig! Natürlich merkt man dem Buch an, dass es nicht heute geschrieben ist. Heute haben wir eine andere Art, eine schnellere Art von Humor. Das macht es aber nicht weniger schön!

Bowman starb im Alter von 74 Jahren, ohne England je verlassen zu haben. Kann man ihn als eine Art Karl May der Bergsteigerszene bezeichnen?
Ich hab‘ beim Lesen durchaus so eine Karl May-Anmutung. Das liegt auf derselben Ebene. Karl May ist ja deshalb heute für uns unlesbar, weil diese Attitüde – „ am deutschen Wesen wird die Welt genesen“ – dem heutigen Erwachsenen natürlich ein bisschen den Spaß daran verdirbt. Aber als Kind habe ich das natürlich heillos genossen – gar keine Frage.

Wie entsteht der spezielle Humor dieses Buches?
Der Humor entsteht durch die Fallhöhe des Unsinnigen – was eben sofort als unsinnig erscheint – und die Ernsthaftigkeit, mit der das Unsinnige, wenn man so will, ausgewalzt wird.

Entwickelte sich für Sie beim Lesen eine spezielle Lieblingsfigur, oder was hat Sie besonders amüsiert?
Das ist alles hübsch: der Prone, der Arzt, der der Kränkste von allen ist; oder diese Geschichte, dass sie sich andauernd besaufen, der Champagner aber natürlich ein Medikament ist. Die ständige Ebenen-Vermischung und das ständige Sich-etwas-Vormachen über die wahren Verhältnisse, auch der Wissenschaftsstreit … Es wird ja sogar metaphysisch, wenn der Skeptizismus über mehrere Seiten hin thematisiert wird. Das ist, wenn man so will, auch eine kleine Philosophie-Verarsche, die da stattfindet. Von daher ist es durchaus auch Bildungs-Humor. – Ich hatte durchgängig an vielen Figuren Spaß, und ich glaube, das wollte der Autor auch. Er wollte nicht, dass ich mich mit irgendjemandem identifiziere. Vielleicht mit dem Seelöwen Travors, der ja sehr schön singt … [Lacht.] Ja, mit Travors habe ich mich identifiziert.

Interview © der Hörverlag
Foto: © André Kowalski

Zum Hörbuchtrailer auf YouTube

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