Vor diesem „Ulysses“ muss sich niemand fürchten.

„Joyce ist das Stachelschwein unter den Dichtern“ – hat Richard Ellmann in seiner James-Joyce-Biographie geschrieben. Ein Stachelschwein lässt niemanden so leicht an sich heran, insofern ähnelt es Joyce, der es seinen Lesern auch nicht einfach macht mit seinem Ulysses.

Claus-Ulrich Bielefeld über Ulysses

Zu den populären Irrtümern in literarischen Dingen zählt ja die Meinung, ein Werk müsse sich dem Leser ohne größere Widerstände erschließen. Das Gegenteil ist der Fall: Die großen Werke der Weltliteratur, angefangen mit Homers Ilias und Odyssee bis zu Musil, Proust und Joyce, sind riesige, weit sich erstreckende Erzählkontinente, deren Durchmessung vom Leser Offenheit, Wagemut und Durchhaltevermögen verlangt. Und Joyce fordert eine Menge vom Leser, neben vielem anderen z. B. die Rückbesinnung auf die Odyssee und die Bereitschaft, sich auf eine Sprache einzulassen, die sich ständig wandelt und den Leser auf eine intellektuelle und emotionale Achterbahnfahrt mitnimmt.
Aber muss man Angst haben vor dem Ulysses? Nein, meint Fritz Senn, einer der größten Kenner des Werks von James Joyce, und schlägt vor: „Vielleicht wär’s gar nicht so unvorteilhaft, den Titel des Buchs beim Namen zu nehmen und auf eine Abenteuergeschichte gefasst zu sein.“ Ein Vorschlag, der den Weg für eine möglichst unbefangene (gleichwohl: ernsthafte und intensive) Lektüre öffnet. Der Ulysses: eine Abenteuergeschichte, die uns in die Straßen der Stadt Dublin, ins Dickicht der Sprache, ins Unterbewusstsein der Protagonisten und in die frühe Kindheit des Menschengeschlechts, wie sie in der Odyssee geschildert wird, entführt.
Von 1914 bis 1921 arbeitete Joyce an seinem Werk, das auf höchst anspielungsreiche und kaum auszulotende Weise den Handlungswegen von Homers Odyssee folgt. Wie Odysseus
wird der Protagonist des Romans, der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom, auf eine große Irrfahrt geschickt. Doch während Odysseus zehn Jahre unterwegs ist, vollzieht sich Blooms Odyssee an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904, in Dublin, jenem Tag übrigens, an dem Joyce seine spätere Frau Nora Barnacle zum ersten Mal ausführte.
Ungefähr um acht Uhr in der Frühe setzt die Handlung ein und endet am nächsten Morgen um drei Uhr. In den ersten drei Episoden des Buchs steht Stephen Dedalus im Mittelpunkt, der wie Telemachos, der Sohn des Odysseus, auf der Suche nach
(s)einem Vater ist. Erst in der vierten von insgesamt 18 Episoden taucht Leopold Bloom auf, der Ire jüdisch-ungarischer Abstammung. Nach dem Frühstück verlässt dieser moderne Odysseus seine Wohnung und seine Frau Molly und spaziert zum Postamt, wo er einen postlagernden Brief abholt. Er korrespondiert nämlich heimlich mit einer ihm unbekannten, jungen Frau. Nach einem Besuch in einem öffentlichen Bad geht er zur Beerdigung seines Freundes Paddy Dignam. Danach schaut er bei seiner Zeitung vorbei, begibt sich in eine Kneipe zum lunch, sucht die Nationalbibliothek auf, läuft nach einem Aufenthalt in einem Pub zum Strand, wo ihn der Anblick eines Mädchens erregt und er heimlich onaniert. Von dort führt ihn sein Weg in ein Frauenspital, wo ein Kind geboren wird. Frühmorgens endlich kehrt er nach einem Besuch im Bordell und in einer Kneipe gemeinsam mit Stephen Dedalus in seine Wohnung zurück, wo er schließlich im Bett neben Molly, seiner Penelope, in den Schlaf sinkt. Und es beginnt jener berühmte innere Monolog der Molly, die in einem frei fließenden Bewusstseinsstrom den Tag und ihre Lebensgeschichte memoriert.
Joyce, 1882 in Dublin geboren und 1941 in Zürich verstorben, scheut im Ulysses vor dem Banal-Alltäglichen nicht zurück. Nicht zuletzt hat er einen Roman über die Dubliner und Dublin verfasst, die Stadt, der er auch nach jahrzehntelanger Abwesenheit und Stationen in Triest, Paris und Zürich in Hassliebe verbunden blieb. Mit seinem Roman sollte nach seinen Worten der Leser wie mit einem Stadtplan Dublin erkunden können. Und in der Tat: Wer heute durch Dublin läuft, kann ohne Probleme den Spuren Blooms folgen. Schon seit Langem sind kleine Kupferplatten in die Straßen eingelassen, die auf die einzelnen Episoden des Romans verweisen.
Diesen „Stadtroman“ lädt Joyce durch die Verweise auf die Odyssee mythologisch auf, doch geschieht dies spielerisch und nie mit erhobenem Zeigefinger. Wie in einem Palimpsest ist das antike Vorbild dem Text von Joyce unterlegt. Über seinen Roman schreibt Joyce: „Es ist eine Art Enzyklopädie. Jedes Abenteuer (das heißt, jede Stunde, jedes Organ, jede Kunst, die im Strukturplan des Ganzen untereinander verbunden und in Beziehung gesetzt sind) sollte die ihm eigene Technik nicht nur konditionieren, sondern sie auch aus sich selbst heraus erschaffen. Jedes Abenteuer ist sozusagen eine Person, obwohl es sich aus mehreren Personen zusammensetzt – wie Thomas von Aquin es von den himmlischen Heerscharen berichtet.“
Von der Gelehrtheit, die zweifellos in hohem Maße im Ulysses steckt, sollte man sich aber keineswegs einschüchtern lassen. Joyce selbst war zwar der Meinung, dass die Philologen noch ein paar Jahrhunderte mit seinem Werk zu tun haben würden, aber das Dechiffrieren des Textes kann auch für den einfachen Leser ein durchaus lustvolles Unterfangen sein. Erste Hilfe liefert da das sog. Gorman-Gilbert-Schema, in dem die beiden Autoren, Hinweisen von Joyce folgend, die Verbindungen zur Odyssee ziehen und die Schauplätze des Romans, den Zeitablauf, Symbole, Körperorgane etc. in Bezug zueinander setzen. Nie sollte man allerdings vergessen: Der Ulysses widersetzt sich allen Schemata, er zeichnet sich gerade durch seine Freiheit in der Darstellung des Geschehens und im Sprachgebrauch aus.
Der Held des Buchs ist zweifellos Leopold Bloom, der nirgendwo ganz dazugehört, der sich treiben lässt und der getrieben wird, der ein Träumer und scharfsichtiger Beobachter ist, der der Welt, die sich an diesem einen Tag in all ihrer Fülle und Widersprüchlichkeit offenbart, nicht ohne Melancholie und zugleich doch voll unverbesserlicher Lebensbejahung gegenübertritt. Aber tatsächlich gibt es noch einen heimlichen Helden, und das ist die Sprache selbst. Sie wird von Joyce wie von einem Magier in immer neue Verwandlungen und zu wundersamen Kapriolen geführt. In jeder der 18 Episoden wählt Joyce eine andere Erzähltechnik und findet immer wieder einen neuen Duktus, führt den Leser in immer neue und überraschende Sprach- und Bewusstseinswelten. Vom Drama bis zur Litanei, von der altenglischen (in der kongenialen deutschen Übersetzung Hans Wollschlägers: mittelhochdeutschen) Sprache bis zum unflätigen Gassenjargon reicht seine Palette. Von den unzähligen Zwischentönen ganz zu schweigen.
Die tolle Sprach- und Gedankenakrobatik von Joyce wird aber erst richtig nachvollziehbar (und genießbar), wenn sein Roman laut vorgelesen wird. Dann entfaltet sich der kaum fassbare Reichtum von Joyce’ Sprache. Aus diesem Grunde hat jede Episode des Romans in unserer ungekürzten Hörfassung einen eigenen Sprecher oder gar mehrere Sprecher. Die Mehr- und Vielstimmigkeit, die Joyce in seiner Sprachsymphonie virtuos ausspielt, wird so zu einem großen Hörerlebnis.

Claus-Ulrich Bielefeld, geboren 1947 in Bad Schwalbach, arbeitete bis 2012 als Literaturredakteur im Hörfunk des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Er war dort unter anderem verantwortlich für Hörbuchproduktionen (z. B. Leo Tolstois Krieg und Frieden, Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Vladimir Nabokovs Pnin). Darüber hinaus ist Claus-Ulrich Bielefeld als Literaturkritiker für diverse Zeitungen tätig und als Autor von Kriminalromanen bekannt, gemeinsam mit Petra Hartlieb hat er Auf der Strecke (2011) und Bis zur Neige (2012) veröffentlicht.


 

Ralph Schäfer über die Studioarbeit

Nachdem wir in der Literaturredaktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg schon Großprojekte wie Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder Tolstois Krieg und Frieden gestemmt haben, nun also Ulysses als Komplettlesung. Aber wie diese Herkulesaufgabe bewältigen? Und mit wem?
Da jedes Kapitel dieses Textes in einem völlig anderen Stil geschrieben ist, bietet er sich geradezu an, von vielen unterschiedlichen Stimmen gelesen zu werden, um dadurch die ungeheure sprachliche Virtuosität des Werks erst richtig zum Klingen zu bringen. Und daher haben wir diesen polyphonen Roman auf insgesamt 44 Stimmen verteilt und konnten so jede Erzählhaltung, ob lyrisch, dramatisch oder episch, passend besetzen. Angesichts der literarischen Bedeutung dieses Werks freut es uns besonders, dass es gelungen ist, hier eine große Anzahl der besten Sprecherinnen und Sprecher unseres Landes zu versammeln.
Keine leichte Aufgabe, die ganzen Aufnahmetermine zu organisieren. Eine Aufgabe, die uns über ein Jahr in Atem gehalten hat; und natürlich gab es auch kurzfristige Absagen – etwa wegen einer dringenden Zahnoperation.
Dann die Vorbereitung des Textes: Glücklicherweise gibt es seit etlichen Jahren eine kommentierte Ausgabe des Ulysses, eine äußerst nützliche, aber auch mühselige Sache, da der Lesefluss durch die unzähligen Anmerkungen immer wieder unterbrochen wird – anders gesagt, so aufwendig war die Vorarbeit am Text einer Lesung noch nie.
Auch ein Novum: Normalerweise sehen sich Sprecher und Regisseur erst zur Aufnahme im Studio, diesmal haben mich einige Leute vorher um ein Treffen gebeten, damit so manche kryptische Passage geklärt werden konnte.
Aus organisatorischen Gründen haben wir im Oktober 2011 mit dem 2. Kapitel (und Matthias Brandt) angefangen, das zu den noch leichter zu fassenden Kapiteln gehört – als Einstieg in den Roman sehr angenehm.
Direkt anschließend der dickste Brocken, das 15. Kapitel, das den Gang Leopold Blooms ins Bordellviertel Dublins schildert; ein wilder (und sehr komischer) psychedelischer Traum in Form eines Lesedramas mit 251 verschiedenen Rollen. Richtige Hauptrollen, die mit gestandenen Schauspielern besetzt wurden (wie Gerd Wameling als Leopold Bloom und Regina Lemnitz als Bella/Bello), sowie eine Unmenge kleiner und mittlerer Rollen, die mit Schauspielstudenten der Universität der Künste Berlin, mit denen ich zuvor schon gearbeitet hatte, realisiert wurden. In diesem Kapitel tauchen alle Personen auf, die davor schon im Text genannt worden sind, zum Teil in abenteuerlicher Verkleidung. Aber auch Gegenstände bekommen eine Stimme (DER KNOPF: Zapp!). Das Ganze wird zusammengehalten von einem ausufernden Erzählpart, den Gerd Grasse grandios gestaltet hat. Und unser Ziel war ausdrücklich, kein Hörspiel daraus zu machen, sondern den Charakter einer Erzählung nicht zu verlassen.
Eine wirklich beglückende Erfahrung: Keiner der vielen Sprecher und Sprecherinnen erwies sich als Fehlgriff, alle Beteiligten hatten den Ehrgeiz, ihr Bestes zu geben. Und dass das Werk ungeheuer gelehrt daherkommt und so viele Anspielungen und Querverweise enthält, die man als interessierter Leser nur mithilfe des ausführlichen Kommentars entschlüsseln kann, spielt plötzlich keine Rolle mehr, sobald Menschen aus Fleisch und Blut sich des Textes annehmen. Ja, man kann sich zurücklehnen und diesen ungeheuren Text, der das Lesen so schwer macht, einfach genießen, ohne jetzt jede Anspielung oder gar die Zusammenhänge mit Homers Odyssee verstehen zu müssen – als Sprach-Musik.
Mitte Juni 2011 war dann der gesamte Text aufgenommen und bis September hatte meine Kollegin Iris König alles geschnitten.
Nun möchte ich doch noch einige Kapitel und Namen herausgreifen. Das 11. Kapitel, das in einer Bar spielt, ist eines, in dem Musik von großer Bedeutung ist – da ich wusste, dass Imogen Kogge sehr schön singen kann, habe ich ihr den Text angetragen. Es gelang uns in mühevoller Recherchearbeit fast alle Musikstücke zu finden, und so beruhen also alle Lieder, die in diesem Kapitel gesungen werden, auf den Originalmelodien.
Schon lange bevor klar war, dass wir das Projekt tatsächlich realisieren können, fragte ich Ulrich Noethen, ob er das 14. Kapitel lesen wolle. Er hat dafür wochenlang trainiert (und sogar einen Altgermanisten konsultiert), da hier die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib durch die Entwicklung der Sprache dargestellt wird, die von Althochdeutsch bis zu heutigem Slang reicht, und hat so schließlich seitenweise mittelhochdeutsch gelesen, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte.
Ulrich Matthes, der nun wirklich ein sehr erfahrener Hörbuchsprecher ist und hier das 17. Kapitel gelesen hat, in dem zum Teil ganz alltägliche Dinge erzählt werden – das aber als scheinbar trockenes Frage- und Antwortspiel mit äußerster wissenschaftlicher Präzision –, sagte, dass er noch nie einen so schwierigen Text zu lesen hatte. Aber wenn man das zunächst irritierende Prinzip verstanden hat, entwickelt auch dieses Kapitel eine große Komik. Komik, die beim mühsamen Selbst-Lesen vermutlich verborgen bleibt.
Und schließlich möchte ich noch Christian Berkel nennen (12. Kapitel), der bei der Vorbereitung schnell festgestellt hat: Diesen Text muss man laut lesen!
Und das möchte ich als Motto über die gesamte Lesung stellen.
Ralph Schäfer

Der Regisseur Ralph Schäfer, geboren 1950 in Schwenningen am Neckar, studierte Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seit 1981 arbeitet er beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, vorher Sender Freies Berlin. Er führte bereits bei vielen großen Produktionen Regie, von denen einige im Hörverlag erschienen sind: zum Beispiel
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust oder Das Nibelungenlied, gelesen und kommentiert von Prof. Peter Wapnewski.

Die Kapitel und ihre Sprecher:

Telemachos: Burghart Klaußner
Nestor: Matthias Brandt
Proteus: Wolfram Koch
Kalypso: Peter Matic
Lotophagen: Heikko Deutschmann
Hades: Axel Milberg
Aiolos: Joachim Schönfeld, Markus Meyer, Sophie Rois
Laistrygonen: Jörg Schüttauf
Skylla & Charybdis: Hanns Zischler
Irrfelsen: Max Volkert Martens, Frank Arnold, Corinna Kirchhoff
Sirenen: Imogen Kogge
Kyklop: Christian Berkel
Nausikaa: Udo Samel, Anna Thalbach
Die Rinder des Sonnengottes: Ulrich Noethen
Kirke: Gerd Grasse, Gerd Wameling, Regina Lemnitz, Adam Nümm, Marianne Groß, Viola Sauer, Nadja Schulz-Berlinghoff, Jean-Paul Baeck, Lutz Riedel, Jakob Walser, Ursula Hobmair, Elisabeth-Marie Leistikow, Luis Lüps, Jan Walter, Patrizia Carlucci, Raphaele Möst, Seyneb Saleh, Laura Jastram, Naemi Simon, Pirmin Sedlmeir, Jan Breustedt, Zaida Horstmann
Eumaios: Ingo Hülsmann
Ithaka: Ulrich Matthes
Penelope: Edith Clever

Foto Joyce © Agentur Bilderberg

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