James Joyce: „Dubliner“ als akustische Umsetzung

Stillstand und Bewegung
„… ich wählte Dublin als Schauplatz, weil mir diese Stadt das Zentrum der Paralyse zu sein schien.

Von Katharina Agathos

Ich habe versucht, sie der indifferenten Leserschaft unter vier Aspekten darzustellen: Kindheit, Jugend, Reife, öffentliches Leben. Die Erzählungen sind in dieser Reihenfolge angeordnet. Ich habe sie zum größten Teil in einem Stil skrupulöser Niedertracht geschrieben“, konstatiert James Joyce 1906. Es ist kein Widerspruch, dass sein erster Erzählband ausschließlich von Lähmung und Stillstand zu handeln scheint, wobei seine epochalen späteren Werke – allen voran Ulysses – die Fragilität, Instabilität und Beweglichkeit des Lebens thematisieren und beschreiben. In den fünfzehn Erzählungen der Dubliner, die für sich alleine stehen, aber thematisch verbunden sind und gemeinsam einen Lebenszyklus – Kindheit, Erwachsenwerden, Alter, Tod – bilden, entwirft Joyce ein Bild von seiner Heimatstadt und dem Alltag ihrer Bewohner. Vom Landwirtschaftsblatt „Irish Homestead“ gefragt, ob er nicht für die Rubrik ‚Kurzgeschichte der Woche’ etwas Einfaches und leicht Verständliches schreiben könnte, liefert er 1904 drei erste Fassungen der Erzählungen Die Schwestern / Eveline / Nach dem Rennen und fasst den Plan einen Zyklus daraus zu machen. Bis 1906 entstehen Eine Begegnung / Arabia / Zwei Kavaliere / Die Pension / Eine kleine Wolke / Entsprechungen / Erde / Ein betrüblicher Fall / Efeutag im Sitzungszimmer / Eine Mutter / Gnade / Die Toten.

Handlung setzt einfach ein
Im Fokus der Erzählungen stehen keine außergewöhnlichen Schicksale, wohl aber die Momente, die dem Leben der Protagonisten eine andere Wendung geben könnten. Joyce ist ein überaus realistischer und genauer Erzähler – der jedes noch so kleine Detail, von dem er erzählt, minutiös recherchiert hat und sich dennoch nie mit ausschmückenden Details aufhält. Das Eintauchen in die jeweilige Erzählsituation erfolgt prompt und ohne Umschweife. Dubliner ist ein Werk der literarischen Moderne, eine Großstadt-Erzählung, und stellt in der englischsprachigen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwas Neues und Stilbildendes dar. „Es ist ein Verdienst von Mr. Joyce – ich will nicht sagen sein Hauptverdienst, aber doch das, was mich am meisten für ihn einnimmt – dass er es sorgfältig vermeidet, einem lauter Zeug zu erzählen, von dem man nichts wissen will. Er stellt seine Personen vor, rasch und lebendig, verbreitet keine Sentimentalitäten über sie, spinnt keine verwickelten Zusammenhänge. Er ist Realist. Er fühlt sich nicht an die stumpfsinnige Tradition gebunden, wonach ein Ausschnitt aus dem Leben nur dann interessant sein kann, wenn er auf die konventionelle Form einer ‚story‘ zurechtgestutzt worden ist,“ schreibt Ezra Pound 1914 begeistert.

…ich verbleibe, sehr geehrter…, Ihr ergebener…
Zu diesem Zeitpunkt hat die Veröffentlichungsgeschichte der Dubliner– ein jahrelanger Nervenkrieg, der Joyce massiv belastet hat – endlich einen glücklichen Ausgang gefunden. Sie beginnt, als der irische Verleger Grant Richards die Absicht ausspricht, die Dubliner zu veröffentlichen, allerdings nur mit Änderungen einiger Textstellen, die Joyce durchzuführen zunächst ablehnt. Ein ausufernder weitschweifiger Briefwechsel beginnt, in der Verleger und Autor einen Hummertanz aufführen, beide um ein Höchstmaß an Diplomatie bemüht, um den Geschäftspartner nicht zu sehr zu verärgern oder gar zu verlieren. Zunächst geht es um einzelne Ausdrücke wie das Wörtchen „bloody“, dessen Verwendung Joyce in einem Brief an Grant Richards 1906 rechtfertigt: „Das Wort, genau der Ausdruck, den ich verwendet habe, ist meiner Meinung nach der einzige Ausdruck in der englischen Sprache, der beim Leser die Wirkung hervorrufen kann, die ich hervorrufen möchte. Sie sagen, es wäre eine Kleinigkeit, um die man mich bäte, hier und da ein Wort zu streichen. Aber ist Ihnen nicht klar, dass gerade in einer Short Story eine solche Streichung tödlich sein kann? Sie können nicht sagen, dass die beanstandeten Wendungen grundlos dastehen und dass man sie unmöglich drucken kann, und gleichzeitig den Tenor des Buches gutheißen“. Schließlich macht Joyce doch Zugeständnisse, wird aber von Grant Richards, der die Weglassung der Erzählung Zwei Kavaliere fordert und darüber hinaus auch die Streichung von Eine Begegnung vorschlägt, immer wieder mit neuen Änderungswünschen vor den Kopf gestoßen. Im Oktober 1906 schickt Grant Richards das Manuskript zurück.

Brennende Druckfahnen
Ein zweiter Streit entbrennt zwischen James Joyce und dem Verlag Maunsel & Co, der noch aufreibender und zermürbender als der vorherige ist, und bei Joyce neben einer Schreib- und Lebenskrise, Mordphantasien entstehen lässt: „Lange Zeit habe ich heute überlegt, ob ich mir für mein letztes Geld einen Revolver kaufen und damit auf die Schurken losgehen sollte, die mich so viele Jahre mit falschen Hoffnungen gepeinigt haben,“ schreibt er 1912 in einem Brief an Nora Barnacle Joyce. Was ihm besonders zugesetzt haben dürfte, ist der Umstand, dass Maunsel & Co die Veröffentlichung der Dubliner in Frage stellt und sich aus den vertraglichen Verpflichtungen zu lösen versucht, als bereits die erste Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt vorliegt. Auslöser sind Proteste des Druckers, der das Werk für unmoralisch hält, woraufhin im Verlag Ängste vor einer Verleumdungsklage aufkommen. Die Druckfahnen und damit die gesamte erste Auflage werden verbrannt. James Joyce gelingt es, ein Exemplar zu retten. Dieses bietet er wiederum Grant Richards an, der schließlich einwilligt, die Dubliner zu den vertraglich festgelegten Konditionen von 1906 zu veröffentlichen. Im Juni 1914 endlich erscheint Dubliner in Irland und James Joyce beginnt seine Arbeit am Ulysses.

Spiel mit Perspektive
Dubliner gilt als Vorstufe und Einstieg in dieses legendäre Werk. Der Hyperrealismus, den Joyce beim Ulysses perfektionieren sollte, bei dem erzählte Zeit und Erzählzeit in eins fallen, wird hier ausprobiert. Es dreht sich bereits alles um Wahrnehmung und Momentaufnahmen, die nicht weniger präzise umgesetzt werden wie später im Ulysses. Die Welt, die Joyce in Dubliner beschreibt, ist nur äußerlich starr. Die inneren Zustände der Figuren dagegen haben immer etwas Flüchtiges, Unsicheres. In den Erzählungen geht es um Veränderung, auch wenn die meisten Ausbruchsversuche scheitern. Was den Ausweg aus eingefahrenen Lebensbahnen bieten würde, und gleichzeitig den Moment der Störung bedeutet, wird von Joyce dabei oft nur angedeutet. Die Protagonisten begreifen oder beherrschen das Geschehen meist nicht und der Leser folgt ihren gedanklichen Wendungen, mit denen sie sich die jeweilige Situation zu erklären versuchen. Es sind die Aussparungen und Leerstellen, die vom Leser eigenständig gefüllt werden müssen, um die Erzählungen verständlich und vollständig zu machen. Ein literarischer Kunstgriff, mit dem die Identifikation der Leserschaft mit den Figuren, die Verschmelzung von Perspektive, herbeigeführt wird.

Die akustische Umsetzung der Dubliner auf Grundlage der Übersetzung von Dieter E. Zimmer, ist ungekürzt und werktreu. Ulrich Lampens Inszenierung für 10 Stimmen löst den Text nicht in Szenen oder wörtliche Rede auf. Es spricht ein Ensemble, das sich aus der Figurentypologie (sieben Männer und drei Frauen, jeweils von jung bis alt) herauskristallisiert hat. Es gibt keinen Erzähler und keine Rollen, sondern die Stimmen teilen sich die subjektive Erzählperspektive. Dieses Konzept trägt der Perspektivenverschmelzung Rechnung, darüber hinaus wird die schwebende Atmosphäre, die in den Erzählungen angelegt ist, beibehalten: das Misstrauen der Figuren den eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen gegenüber, ihre Unsicherheit, ob das, was sie gerade erleben, zuverlässig ist, oder ob die Wirklichkeit nach dieser kurzen Momentaufnahme wieder eine andere ist.

Katharina Agathos ist Chefdramaturgin beim Bayerischen Rundfunk, Hörspiel und Medienkunst.

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