NEBEN DER SPUR – WANJA MUES UND MARK WASCHKE ÜBER „DER TURM DER TOTEN SEELEN“

Er wird als die Neuentdeckung seit Stieg Larsson gehandelt: Christoffer Carlsson, geboren 1986, ist der jüngste Star am schwedischen Krimihimmel. Sein Turm der toten Seelen wurde 2013 mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet. Unser Hörbuch lesen Wanja Mues und Mark Waschke, die wir natürlich nur allzu gern bei ihren Berliner Aufnahmen besucht und befragt haben. Der Inhalt dieses sehr eigenwillig fesselnden Krimis ist nicht so einfach erzählt – wir wollen auch gar nicht mehr verraten als: Leo Junker, Anfang 30, ist als Polizist vorübergehend vom Dienst suspendiert, nachdem er versehentlich einen Kollegen erschossen hat. Eigentlich sieht er keine Zukunft mehr für sich. Doch als in seinem Wohnblock – nur ein paar Stockwerke unter ihm – eine junge Frau ermordet wird, beginnt Leo unerlaubt zu ermitteln. Denn ein Schmuckstück in der Hand der Ermordeten erinnert ihn auf erschreckende Weise an seine eigene von Gewalt geprägte Jugend und an das brutale Ende seiner ersten Liebe. Leo weiß, dass ihm jetzt nur einer weiterhelfen kann: John Grimberg …

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Was macht Leo zu einem spannenden, vielleicht sogar einzigartigen Krimi-Helden?
Wanja Mues: Was ich schön finde, ist die Zerrissenheit in ihm. Leo hat genau die richtige Farbe: Er ist angeschlagen und zerrissen, und trotzdem versucht er, auf der guten Seite zu stehen. Er bedient sich manchmal Mittel, die nicht wirklich ehrenwert sind; er versucht an der Wahrheit dran zu bleiben und kriegt einfach von allen Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen.

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Welche Rolle spielt Leos Vergangenheit?
Wanja Mues: In der Hochhaussiedlung, in der sie [Anm. d. Red.: Leo und dessen ehemals bester Freund John Grimberg] aufgewachsen sind, liegt der Kern verborgen, warum Leo auf die gute Seite gewechselt ist. Später dann wurde er missbraucht und quasi geopfert, weil etwas schiefgelaufen ist, da wurde er als Opferlamm geschlachtet. Jetzt ist er suspendiert, nimmt Tabletten und ist irgendwie neben der Spur.

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Man hat es nicht in der Hand, wo man aufgewachsen ist, aus welchen Verhältnissen man kommt …
Wanja Mues: Was es natürlich immer gibt: dass Ältere Jüngere mobben oder gängeln, das ist mal schlimmer und mal weniger schlimm. Die Hoffnung ist mal größer und mal weniger groß, es wird mal mehr getrunken und mal weniger. In dieser Hochhaussiedlung ist das alles besonders krass. Und trotzdem schafft es Leo, auch aufgrund seines Elternhauses, das dabei eine wichtige Rolle spielt, trotz der einfachen Verhältnisse, in denen er aufwächst, auf die richtige Spur zu kommen.

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In der Geschichte geht es also ganz stark auch um Familie …
Wanja Mues: Ja, oder noch archaischer um die Frage: Wie soll man leben? Was sind die Beziehungen, die einen prägen, ob man will oder nicht, und wie geht man damit um, dass sie einen bestimmen? Kann man sich davon befreien oder nicht? Das finde ich das Große an guten Krimis oder Ermittlerfiguren, dass es oft nur sekundär um den Kriminalfall geht, eher um Menschliches, Allzu-Menschliches, nämlich um diese ethische Frage: Warum bin ich der, der ich bin, und wie kann ich das aushalten, wie kann ich damit umgehen? Eine Polarität zwischen beidem.

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Was ist das Besondere an diesem Krimi von Christoffer Carlsson?
Wanja Mues: Es ist die Klarheit der Sprache, die Direktheit, mit der er schreibt. Die Verschachtelung von Vergangenheit und Gegenwart ist ein häufiges Mittel. Es gibt Manche, die können das, und Welche, die können das nicht – er kann es richtig gut, finde ich.

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Ist das Einlesen von Krimis oder Thrillern besonders schwer, weil man mit hineingezogen wird?
Wanja Mues: Ja, man muss es gut vorbereitet haben, damit man da gar nicht mitgezogen wird, sondern eher mitzieht. Dass man genau weiß, was einen mitgezogen hat beim Lesen, und das dann unterstützt. Ich finde bei diesem Text wahnsinnig schwer, dass er von Kapitel zu Kapitel in die Vergangenheit und in die Gegenwart springt. Ein Kapitel lang „guckte“ und „sagte“ und „tat“ und im nächsten Kapitel „guckt“, „sagt“ und „tut“ jemand etwas. Das ist meine größte Herausforderung: da am Ball zu bleiben und mich umzustellen.

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Hat man bei einem Krimi das Gefühl, dass man ihn besonders spannungsgeladen vorlesen muss?
Wanja Mues: Ich finde, man hat immer eine Verantwortung, wenn man so etwas macht. Mark auf der Bühne, ich vor der Kamera, wir beim Lesen, egal wo man arbeitet. Man hat dem Publikum gegenüber eine Verantwortung und auch dem Auftraggeber gegenüber, dass man das so gut wie möglich macht. Das ist ein junger Krimi-Star und wir haben die Verantwortung, diesen so gut wie möglich zu repräsentieren, damit der hier genauso ein Star wird. Ich will, dass die Leute das gehört haben und sagen: „Wow, vielen Dank, es hat echt Spaß gemacht!“ Das ist der selbstgemachte Druck, es fordert ja keiner von einem.

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Ihr habt beide Kinder. Hat euch das Einlesen von Hörbüchern etwas gebracht für das Erzählen der Gute-Nacht-Geschichten – oder andersherum?
Mark Waschke: Vorlesen im Bett und vorlesen hier, das hat sehr viel gemeinsam. Eine Geschichte erfinden in der Begegnung ist natürlich etwas ganz anderes …
Wanja Mues: … viel schwieriger …
Mark Waschke: … ja, und auch nochmal intimer und das, worauf man als Schauspieler vielleicht auch immer neidisch ist: dass man selten auch der Geschichtenerfinder, der Geschichtenerzähler ist. Na, nicht neidisch, aber das Formen der Gedanken beim Sprechen, das ist ja etwas ganz anderes. Letzten Endes geht es aber bei beidem darum: Da ist etwas außerhalb von mir, das wichtiger ist als ich, und da zeige ich drauf, so dass man spürt, dass es anwesend ist.
Wanja Mues: Ja, du hast vollkommen Recht. Ich hätte jetzt eine ganz einfache Antwort gegeben, nämlich dass das Vorlesen am Abend natürlich eine gute Vorbereitung ist für so eine Aufnahme. Denn man hat die härtesten Kritiker in seinen Kindern, die dann irgendwann, wenn es langweilig wird, einschlafen oder sagen: „Komm Papa, hör mal auf, wir lesen lieber selber.“
Mark Waschke: Wenn ich meiner Tochter vorlese, merke ich manchmal, es gibt Phasen, in denen ich abgleite und an etwas anderes denke. Das sind aber nicht immer die schlechtesten Momente …
Wanja Mues: Echt? Ich bekomme hier [im Studio] immer Ärger, wenn ich abgleite. Ich denke dann öfter mal an Sachen, die ich gerade gelesen habe, und ob es nicht so oder so besser gewesen wäre. Das wird hier aber immer sofort bemerkt, dann wird der Knopf gedrückt: „Wanja, hör auf nachzudenken! Das machen wir jetzt nochmal von vorn.“ – Ich finde aber auch, wenn man Kindern vorliest, ist die Kritik immer sehr unberechenbar …
Mark Waschke: Ja, am Anfang bemüht man sich noch, den Kindern ganz überschwänglich die verschiedenen Rollen vorzulesen. Aber irgendwann wollen sie dann, dass man ganz normal spricht, ab da darf man´s dann nicht mehr so übertreiben. – Mal was ganz anderes: Wie genau machst du das, wenn du in eine wörtliche Rede gehst? Wie ist dann das Verhältnis zum Erzähltext?
Wanja Mues: Also mir gefallen wörtliche Reden immer sehr gut. Ich finde es super, die verschiedenen Rollen mit anders eingefärbter Stimme zu lesen, wenn es sich anbietet. – War das jetzt eigentlich dein erstes Hörbuch?
Mark Waschke: Nein, mein zweites oder drittes. Nicht in der Größenordnung wie jetzt, aber auch dabei ist mir schon aufgefallen, dass man bei einem Text einen Kern braucht. Wie bei einer Rolle muss man auch beim Lesen etwas finden, eine Grundhaltung, an der man sich festhält und orientiert.
Wanja Mues: Ja das stimmt. Ich dachte, ich hätte bei diesem Hörbuch den Kern gefunden: eine eher ruhige Stimme, introspektive Sicht. Das hat beim ersten Kapitel auch super funktioniert, aber danach musste ein bisschen mehr Druck und Klarheit in die Stimme. Das ist ja auch gut so, nicht dass uns die Leute einschlafen …

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Klingt ganz danach, als würdet Ihr gern mal zu zweit im Studio aufnehmen?
Wanja Mues: Ja, das wäre ja dann ein Hörspiel und das würde ich total gerne machen. Das macht auch viel mehr Spaß, dann kann man sich gegenseitig hoch- und runterringen – das ist ja auch ein Duell, was man da ausficht. Das können wir ja mal zusammen machen.
Mark Waschke: Machen wir! „Max und Moritz“.
Wanja Mues: „Max und Moritz“, das wär doch geil!
Mark Waschke: Wilhelm Busch überhaupt.
Wanja Mues: Wilhelm vs. Busch.
Mark Waschke: Genau.

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Bilder+Interview: © Teresa Grenzmann/der Hörverlag

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