„Wer keine Angst hat, muss niemals Mut aufbringen“ – Melanie Raabe über ihren Thriller „Die Falle“

In Melanie Raabes Thrillerdebüt Die Falle schottet sich eine Frau mehr als elf Jahre lang von der Außenwelt ab. Linda Conrads veröffentlicht zwar Jahr für Jahr Bücher, die zu Bestsellern werden, lebt aber völlig zurückgezogen. Die Medien spekulieren über eine mysteriöse Krankheit, doch den wahren Grund kennt nur sie selbst: Sie wird von einer schrecklichen Erinnerung gequält, denn vor vielen Jahren hat sie ihre jüngere Schwester Anna ermordet aufgefunden – und den Mörder flüchten sehen. Eines Tages flimmert genau dieses Gesicht über ihren Fernseher. Und Linda fasst einen mutigen Entschluss … Das Hörbuch im Hörverlag lesen Birgit Minichmayr und Devid Striesow. Wir sprachen mit Melanie Raabe über Einsamkeit, Mut und das Glück, immer schreiben zu können.

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Die begehbare Welt Ihrer Protagonistin Linda beschränkt sich auf eine Villa, die sie seit elf Jahren nicht verlassen hat. Wenn Sie in Lindas Situation wären: Was würden Sie am meisten vermissen?
Oh, so vieles. Aber vor allem die Natur – Wiesen, Wälder, Felder, Flüsse, Berge, Tiere, das Meer – und natürlich die Menschen.

Es sind viele kleine Dinge des Alltags, die Linda schätzt, sieht (sofern sie diese noch besitzt) – und vermisst (sofern diese durch ihre Isolation unerreichbar geworden sind). Sind Sie selbst auch so?
Ich denke schon! Ich kann mich sehr gut an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Klar sind die großen, weltbewegenden Dinge und Ereignisse wichtig. Aber die kleinen Freuden sind das Salz in der Suppe. Der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee, der überraschende Anruf eines alten Freundes, dieser Moment, wenn im Radio plötzlich dein Lieblingslied kommt. Kürzlich war ich vollkommen aus dem Häuschen, als ich die ersten Schneeglöckchen und Krokusse des Jahres entdeckt habe …

Der Kreis der Leute, die Linda spricht und in ihrem Haus trifft, beschränkt sich auf sehr wenige. Was bedeutet für Sie die Begegnung mit anderen Menschen?
Mein Interesse an anderen Menschen ist unendlich. Mich interessiert praktisch jeder. Die Kassiererin an der Supermarktkasse, meine verschrobene Nachbarin, dieser Theaterschauspieler, den ich ab und zu hier im Viertel sehe, die alte Dame auf der Parkbank, der Besitzer des Kiosks ums Eck.

Was bedeutet Einsamkeit für Sie?
Ich bin zwar grundsätzlich eher gesellig, aber das Alleinsein kann ich ziemlich gut aushalten. Ich bin gerne mal allein. Zum Glück – schließlich verbringt man beim Schreiben zwangsläufig viel Zeit mit sich im stillen Kämmerlein. Einsamkeit bedeutet für mich eher, unverstanden zu sein. Zu spüren, dass ich mich niemals einem anderen Menschen hundertprozentig werde begreiflich machen können, so sehr ich es auch versuche.

Was bedeutet Mut für Sie?
Mut bedeutet jedenfalls nicht, keine Angst zu haben. Wer keine Angst hat, muss niemals Mut aufbringen und weiß vermutlich noch nicht einmal, was das ist. Mut ist, das zu tun, was man für richtig hält, der Angst zum Trotz.

Wer so viel mit sich allein ist wie Linda, beschäftigt sich intensiv mit seinen Gefühlen – Ihre Beschreibungen führen sie dem Leser sehr nah. Welches Gefühl mögen Sie nicht?
Ganz klar: die Langeweile! Zum Glück plagt sie mich selten. Starke Emotionen – egal ob positiv oder negativ – mag ich eigentlich alle. Die erfüllen alle einen Zweck. Obwohl ich natürlich lieber Glück empfinde als Wut oder Verzweiflung. ;-)

Gab es eine Art Initialzündung für Die Falle?
Die gab es tatsächlich, als ich eines Abends mit einer Freundin im Restaurant saß, und sie mir – vollkommen zufällig – von einem Artikel über eine Autorin erzählte, die nie das Haus verlässt. Ich habe mir sofort eine Notiz gemacht. Es war für mich so offensichtlich, dass das einen guten Spannungsstoff hergibt!

Gibt es in der Spannungsliteratur direkte Vorbilder für Sie?
Es gibt viele Autoren, die ich bewundere, aber ich habe keine konkreten Vorbilder. Wenn ich schreibe, dann versuche ich so wenig wie möglich an all die großartigen Bücher zu denken, die es schon gibt. Das würde mich nur unnötig irritieren, vielleicht sogar einschüchtern.

„Die Phantasie ist eine großartige Sache“, sagt Linda. „So großartig, dass ich eine Menge Geld mit ihr verdiene.“ – Als Autorin brauchen Sie nur Ihren Kopf und ein Stück Papier/einen Laptop, richtig? Ist das Luxus oder Last?
Absoluter Luxus! Das denke ich so oft, wenn ich andere Künstler betrachte. Ich schleppe keinen Kontrabass und keine Leinwände durch die Gegend, ich brauche keine teuren Materialien, keinen Platz, keine anderen Menschen. Ob ich arm bin oder reich, daheim oder unterwegs, gesund oder krank, alt oder jung – ich werde immer schreiben können. Was für ein Glück!

Sie haben viele Talente, sind Autorin und Drehbuchautorin, Journalistin und Bloggerin, Performerin und Theaterschauspielerin: Welches ist Ihnen am liebsten? Auf welches sind Sie besonders stolz?
Immer und zuallererst meine Bücher. Alles andere ist ein Riesenspaß, aber das Schreiben von Romanen ist nicht nur das, was ich am liebsten tue, sondern auch das, was ich am besten kann.

Was ist Ihnen wichtig, am Ende eines oder vielleicht sogar: eines jeden Tages getan zu haben?
Irgendetwas Nettes für einen anderen Menschen. Muss ja nichts Großes sein. Kann ja auch einfach eine „Viel Erfolg!“-SMS an eine Freundin vor ihrem Vorstellungsgespräch sein. Oder ein kleines Kompliment. Ach so – und Schreiben natürlich. Nicht unbedingt täglich ein Kapitel oder eine bestimmte Anzahl von Seiten. Manchmal reicht schon eine interessante Beobachtung, die ich mir ins Notizbuch schreibe.

Fotos: © Christian Faustus
Interview: © Teresa Grenzmann/der Hörverlag

Melanie Raabe geht auf Lesereise …

Zum Blog-Tagebuch von Melanie Raabe

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