„Phantasie ist ein Spiel“ – Leonie Swann im Gespräch zu ihrem Roman „Dunkelsprung“, gelesen von Andrea Sawatzki

Julius Birdwell, Goldschmiedemeister, Flohdompteur und unfreiwilliger Einbruchkünstler, wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich eine ruhige, unbescholtene Existenz führen zu können. Doch als seine Flohartisten einem plötzlichen Nachtfrost zum Opfer fallen und die geheimnisvolle Elizabeth Thorn in sein Leben tritt, überstürzen sich die Ereignisse: Wie befreit man eine Meerjungfrau? Wie viele Flöhe passen auf eine Nadelspitze? Und warum ist das Leben trotz allem kein Märchen? Die Antworten auf Julius‘ Fragen gibt Leonie Swanns phantastischer Roman „Dunkelsprung“, im Hörbuch gelesen von Andrea Sawatzki (erscheint am 10. November). Die Antworten der Bestsellerautorin („Glennkill“) auf unsere Fragen – über die Wunder des Alltags, die Realität von Geschichten und die Liebe zum Schreiben – lest Ihr hier.

Leonie Swann_Dunkelsprung_Hoerverlag_copyright Mark Bassett

Ein sinngemäß immer wiederkehrender Satz in „Dunkelsprung“ ist: „Die Leute sehen, was sie glauben.“ Zirkus, Magie, Mystisches … täte es unserer Welt gut, etwas mehr Phantasie zu haben oder: sich zu gönnen? Müssen wir uns wieder mehr wundern und staunen?
Zumindest tut es vermutlich gut, die Augen weit offen zu halten. Es geht nicht darum, blauäugig durch die Gegend zu laufen und an jeder Ecke Magie und Mysterien zu vermuten, sondern darum, der Welt weiterhin Zauber und Überraschungen zuzutrauen. Es geht um Neugier. Das hat für mich nichts mit Leichtgläubigkeit zu tun – im Gegenteil: Phantasie ist ein Spiel, und Spiele halten uns wach, beweglich, aufmerksam. Sie schärfen den Verstand und die Sinne, helfen uns, in alle Richtungen zu denken. Je mehr wir zu sehen bereit sind, desto mehr entdecken wir auch – vielleicht keine ausgewachsenen Lindwürmer, aber die kleinen Wunder des Alltags: Wortspiele, Ambiguitäten, mysteriöse kleine Szenen in der U-Bahn, den geheimnisvollen Tanz einer Spinne, die ihr Netz baut.
Ich denke, die Welt bietet heute so viel Staun-Potential wie eh und je, wenn wir bereit sind, ihr aufmerksam zuzusehen.

Sie sind im Vorteil: Sie verbringen viel Zeit in London, in einer Stadt, in der es durchaus möglich scheint, hinter der nächsten Häuserecke aus der Zeit zu fallen … mitten in einen Charles-Dickens-Roman oder eben in ein Buch voller Flöhe, Faune, Nixen … Wieviel „Dunkelsprung“ umgibt Sie dort in Ihrem täglichen Leben?
Nun, erst einmal möchte ich zu Protokoll geben, dass ich auch in London nicht von Flöhen geplagt werde und meine Badewanne bisher völlig nixenfrei geblieben ist. Trotzdem ist London ein sehr inspirierender Ort, alt, schön, modern, skurril und lebendig, voller Geheimnisse, Traditionen und Geschichten. Doch der Zauber liegt für mich oft eher im Blick oder im Moment und ist nicht an eine bestimmte Umgebung gebunden – selbst an Autobahnraststätten oder auf einsamen Feldwegen können einem ab und an kleine Wunder begegnen.

Woher kam die Idee mit dem Flohzirkus?
Ich war im Auto unterwegs und hatte das Radio an, als auf BBC 4 zwischen den üblichen Politik- und Wirtschaftsnachrichten auf einmal die skurrile Meldung von einem erfrorenen Flohzirkus gesendet wurde. Das hat mich sofort fasziniert. Ich arbeitete zu dieser Zeit schon an einer Geschichte mit Märchen-Elementen und wusste gleich, dass diese entschlossenen kleinen Insekten die perfekte Ergänzung zu meinen Phantasie-Wesen sein würden – real, respektlos, und trotzdem mit diesen erstaunlichen, quasi-magischen „Superkräften“ ausgestattet. Und je mehr ich recherchierte, desto mehr war ich von der Welt des Flohzirkus begeistert …

Die Wesen in diesem Buch und Hörbuch sind allesamt unverwechselbar eigentümlich – selbst die menschlichsten unter ihnen gehen sonderbare (Gedanken-)Wege … Welchen Platz nehmen denn die wirklichen Menschen zwischen diesen Wesen ein? Und welches Wesen war Ihnen beim Schreiben das liebste?
Ich würde gar nicht erst zwischen „wirklichen“ und „nicht so wirklichen“ Figuren unterscheiden. Zwischen zwei Buchdeckeln sind auf einmal alle Wesen gleich – der menschliche Held Julius ist genauso erfunden wie Faune und Nixen – und hoffentlich auch genauso real.
Ontologisch gesehen hat Hamlet genau den gleichen Status wie Oberon – beide sind Figuren in einem Stück, erfundene Wesen, Schatten, wie Shakespeare vielleicht sagen würde. Aber wer könnte deswegen behaupten, dass die beiden nicht echt sind?
Beim Erzählen geht es mir nicht so sehr darum, was es unserer „wirklichen“ Welt gibt, sondern darum, mit einer Geschichte zu verzaubern und zu überzeugen. Wichtig ist nicht, ob es eine Figur „hätte geben können“, sondern dass sie da ist, hier und jetzt, in der Geschichte. Da muss man beim Erzählen Überzeugungsarbeit leisten, ganz gleich, ob es um „reale“ oder „erfundene“ Figuren geht. Geschichten schaffen ihre eigene Realität, und Wirklichkeit bedeutet dann auf einmal etwas ganz anderes – es geht um die Lebendigkeit, Echtheit und Komplexität.
Zu meinen Lieblingsfiguren … eigentlich sollte man als Autor da ja unparteiisch sein, aber ich muss zugeben, dass ich zu Green [Anm d. Red.: dem Privatdetektiv, den Birdwell engagiert] und seinem Haustier beim Schreiben mit besonderem Vergnügen zurückgekehrt bin.

Wenn dieses zauberhafte, wunder-volle Buch, wie der Untertitel sagt: „vielleicht kein Märchen“ ist – was ist es dann?
Das muss vielleicht jeder Leser und Hörer für sich entscheiden …

Darf man das einfach so platt fragen, zumal am Ende eines Interviews? Warum schreiben Sie?
Das ist gar nicht platt. „Warum?“ ist meiner Meinung eigentlich immer eine gute Frage, aber wie bei vielen guten Fragen ist es auch hier nicht so leicht, eine einfache Antwort zu finden.
Ich versuche es also einmal mit ein paar verschiedenen Antworten in beliebiger Reihenfolge:
Weil es Spaß macht. Ich möchte nicht sagen, dass der ganze Schreibprozess immer Zuckerschlecken ist, aber wenn es einmal fließt und die Dinge sich wie von Geisterhand zusammenfügen, geht es mir gut.
Weil ich es kann – zumindest besser als andere Dinge, sagen wir Buchhaltung oder Teilchenphysik. Ich denke, es ist wichtig, in seiner Tätigkeit Neigungen nachzugehen, Dinge zu tun, die einem entsprechen. Das ist vielleicht der Unterschied zwischen Beruf und Berufung.
Weil ich Geschichten liebe.
Weil der Schreibberuf mir viele Freiheiten gibt, die Freiheit zu leben und zu arbeiten wo ich will, die Freiheit, mir meine Zeit selbst einteilen zu können, die Freiheit, in alle Richtungen zu denken.
Und zuletzt, ganz besonders wichtig: Weil es ein großes Privileg ist, gelesen zu werden!

Zum Schluss noch eine typische Hörverlagsfrage: Was ist Ihr Lieblingsgeräusch?
Oh, nicht einfach, es gibt jede Menge charismatischer Geräusche, aber eines mag ich dann doch ganz besonders: die Rupfgeräusche von Grasern in der Abenddämmerung (gerne Schafe natürlich, aber auch Kühe und Pferde bekommen eine exzellente Rupfgeräuschkulisse hin). Das ist so ein wundervoll sattes, friedliches, zartes, rhythmisches Geräusch und es verrät einem, dass die Welt zumindest einen Moment lang ein Stück weit in Ordnung ist.

Zum Trailer auf YouTube

Zur Hörprobe mit Andrea Sawatzki

Foto Leonie Swann: © Mark Bassett
Interview: © Teresa Grenzmann/der Hörverlag

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