„Wir können alles sein, Baby“ – Poetry-Slammerin Julia Engelmann im Interview

Mit ihrem YouTube-Video One Day vom 5. Bielefelder Hörsaal-Slam katapultierte sich Julia Engelmann vor zwei Jahren schlagartig in die Herzen und Playlists von Millionen Poetry-Slam-Fans! Ihre Message, Träume endlich in die Tat umzusetzen, traf und trifft absolut den Nerv der Zeit. Jetzt ist sie mit neuen Texten im Tonstudio gewesen, ihr zweites Hörbuch Wir können alles sein, Baby ist erschienen: eine stimmungsvolle Playlist poetischer Texte über Träume und Liebe, über Wünsche und Freisein, aber auch über Loslassen und Traurigkeit. „Meine Träume werden wahr, das ist mein neues Mantra“, verkündet Julia darin. Im Interview verrät sie uns, warum.

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Ein Jahr ist vergangen seit deinem letzten Buch – gut, es ist nur ein Jahr, aber auch darin kann eine Menge passieren. Hat sich irgendetwas verändert in deiner Einstellung zum Leben, an deiner Message an die Leute „da draußen“ (und an dich selbst)?
Julia Engelmann: Meine positive Einstellung hat sich auf jeden Fall gefestigt und erweitert. Mir ist noch bewusster geworden, wie elementar es ist, Verantwortung für sich zu übernehmen und das zu leben, was man ist und sein will.

Und was ist mit „draußen“? Hat sich dort etwas getan, was dich besonders beeinflusst oder berührt hat – positiv oder negativ?
Beides, es koexistiert ja immer beides. Überwältigend ist für mich das Feedback, das ich im letzten Jahr bekommen habe: Briefe, Emails, Gespräche auf der Straße, das ist wirklich sehr schön.

Bestimmt hörst du auch manchmal (oder sogar oft), dass du mit deinen Texten etwas in manchen Leuten verändert hast, Hebel umgelegt, motiviert hast … Was ist das für ein Gefühl?
Ich denke, dass sich jeder nur selbst motivieren und seine Hebel umlegen kann. Egal, was ich schreibe, es kommt am Ende darauf an, was jemand daraus liest und was er aus seinen eigenen Gedanken macht.

Gibt es irgendeine Lieblingszeile aus deinem neuen Buch?

Das ist, wie eine Mutter nach ihrem Lieblingskind zu fragen.

Wann hast du diese Texte geschrieben? Immer so zwischendurch, aus dem Bauch heraus? Oder setzt du dich manchmal auch ganz gezielt hin und „feilst daran herum“?
Beides, alles. Von Nach-dem-Tanzengehen-morgens-auf-dem-Balkon-Schreiben bis hin zu Stundenlang-das-gleiche-Lied-hören-und-dabei-Gedanken-Sammeln bis hin zu Beim-Einkaufen-ins-Handy-Tippen war ziemlich alles dabei.

War etwas anders als „beim ersten Mal?“
Zwischen dem ersten und dem zweiten Buch und Hörbuch, gibt es für mich schon ein bisschen einen Unterschied, weil ich jetzt schon einmal erlebt habe, wie das ist, wenn veröffentlicht wird, was ich schreibe, wenn es abgedruckt wird. Was dieses Mal vor allem anders ist: dass alle Texte in einem Zeitraum entstanden sind, innerhalb eines Jahres – das erste Buch entstand ja innerhalb von fünf Jahren. Außerdem ist es dieses Mal so, dass keiner wirklich vorher gehört oder gelesen hat, was ich geschrieben hab‘. Da ist es noch ein bisschen spannender gewesen.

Denkst du beim Schreiben schon daran, dass es Leute lesen oder hören werden?
Es kristallisieren sich automatisch unterschiedliche Varianten zwischen dem geschriebenem und dem gesprochenem Text heraus. In erster Linie denke ich ans Sprechen und weder ans Hören noch ans Lesen.

Bevor du das erste Hörbuch für uns im Studio eingesprochen hattest, warst du schon öfter mit den Texten aufgetreten. Diesmal stehst du im Studio und feierst teilweise Premieren. Es klappt dennoch – weil du damit so vertraut bist?
Ja, ich glaub‘ schon. Weil ich einfach lange daran geschrieben habe und sie schon immer wieder zur Probe komplett oder teilweise laut gesprochen habe.

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Im Studio hast du bloß einen Techniker und eine Regie als Zuhörer. Dann trittst du auf, vor Live-Publikum, im Fernsehen, im Radio. Du gibst Interviews, du schreibst Bücher, du schreibst eine Kolumne. Du bist medial so vielseitig vertreten. Gibt es etwas, das dir am allermeisten liegt?
Ich glaube, was mir am allermeisten liegt, ist, meine Gedanken erst einmal festzustellen und dann auszudrücken, und das kann ja in allen möglichen Formen stattfinden. Ob ich das jetzt aufschreibe und später liest es jemand, oder ob wir beide jetzt sprechen und ich sage irgendwas … Das ist, glaube ich, das, was ich am liebsten mag. Und ich mag, dass es abwechslungsreich ist.

Es ist auch nichts dabei, bei dem du sagst: Darauf könnte ich echt verzichten? Ich wäre gern so berühmt und erfolgreich, aber ich will nicht noch einmal das und das machen müssen.
Na, auf alles, auf das ich verzichten möchte, verzichte ich auch. Ich treffe die Entscheidung, was ich machen will.

„Julia Engelmann: Poetry-Slammerin und YouTube-Wunder“ – drückt das überhaupt noch aus, was du alles bist?
Puh [lacht] … ich weiß nicht. Ich mein‘, ich glaube gar nicht, dass so viele Leute darüber nachdenken, was ich bin. Also klar, manche Leute haben vielleicht das Video auf YouTube gesehen, manche Leute haben vielleicht das Buch im Buchladen gesehen. Keine Ahnung, ich denk‘, da ist alles ein Stück weit richtig, was jemand von mir hält … und am meisten weiß ich es wahrscheinlich dann letztendlich selber.

Also dann: Wie möchtest du dich selbst gern nennen?
… Julia. [Lacht.] Na, ich bin jemand, der sich einfach gerne Gedanken macht und das gerne teilt, und ich höre auch andere Gedanken gern. Der philosophische Aspekt tatsächlich ist für mich, glaube ich, der wichtigste.

Interview: © Susa Berninger u. Teresa Grenzmann/der Hörverlag
Foto Engelmann: © Marta Urbanelis
Schrift: © Julia Engelmann

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