„Kühn hat zu tun“ – Jan Weiler liest sein neues Hörbuch

Bei den Aufnahmen in München sprachen wir mit dem Autor Jan Weiler über sein neues Hörbuch Kühn hat zu tun, das er wie immer selbst für uns eingesprochen hat. Und darum geht’s: Martin Kühn ist 44, verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in einer Neubausiedlung nahe München. Er hat sich mit seinem Leben abgefunden: mit seinem Job bei der Polizei, seinem pubertierenden Sohn, seiner rothaarigen Nachbarin, … Eines Tages wird Kühn von einem Kollegen zu einem Tatort gerufen: Es gibt eine Leiche, Tötungsdelikt, Kühn soll sich sofort auf den Weg machen. Er kann zu Fuß gehen. Das Opfer liegt keine 30 Meter von Kühns Gartentor entfernt …

Jan Weiler_Kuehn hat zu tun_copyright Bettina Halstrick_9783844518221_1

Wie lange tragen Sie den Kreis-Münchner Hauptkommissar Kühn denn schon mit sich herum?
Hauptkommissar Kühn bewegt mich schon eine ganze Weile, aber dann gibt es immer viele andere Dinge zu tun, und so trägt man die Geschichte eine ganze Zeit mit sich herum, bis irgendwann der Zeitpunkt da ist. Dann fängt man an, daran zu arbeiten und jetzt, zum Glück, endlich, endlich, endlich war Kühn dran.

Nie zuvor hatte man als Leser oder Hörer das Gefühl, so sehr in die Privatsphäre eines Ihrer Protagonisten dringen zu dürfen. Ist Kühn auch derjenige, der Ihnen am nächsten kommt?
Das ist schwer zu sagen. Meine ersten Bücher habe ich ja alle aus der Ich-Perspektive geschrieben und sie handeln weitgehend von meiner tatsächlichen Familie, da würde man immer sagen: Der Erzähler ist dem Autor am nächsten. Aber es stimmt: Kühn ist mit allem, was ihn so beschäftigt, so ein archetypischer Mann der Gegenwart. Wie Kühn ist, sind ganz, ganz viele – und wahrscheinlich bin ich auch so ähnlich wie er.

Was fasziniert Sie so an Ihrem Protagonisten Kühn?
Ich finde Martin Kühn so faszinierend, weil er dieses Problem mit den Gedankenströmen hat, dieses Sich-nicht-mehr-konzentrieren-Können auf die wirklich wichtigen Dinge und vor allen Dingen auch: zu keinen Lösungen zu kommen. Das ist ein sehr interessantes Phänomen, das viele Leute haben, und er leidet sehr darunter. Trotzdem hat er auch Humor, und eigentlich ist er ein integrer, kompetenter, guter Typ. Aber er wird durch diese Gedankenströme derart eingeschränkt, dass er den Faden verliert.

Also ist es eigentlich kein Kriminalroman …
Nee, es ist kein Kriminalroman. Es ist ein Gesellschaftsroman. Ich hätte diese Geschichte mit diesen komischen Kaskaden im Kopf und den Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, natürlich auch mit einem anderen Protagonisten erzählen können, der nicht Polizist ist, sondern Bäcker oder Verwaltungsangestellter. Aber ich wollte, dass eine Dringlichkeit hinzukommt: Er muss etwas wirklich Wichtiges tun – diesen Mord aufklären. Und dafür muss er Polizist sein. Die Krimihandlung ist in Wirklichkeit also nur ein Transportmittel für den Rest der Geschichte.

„WIE KÜHN IST, SIND GANZ, GANZ VIELE – UND WAHRSCHEINLICH BIN ICH AUCH SO ÄHNLICH WIE ER.“

Die Gegend bleibt vage, aber auch diese Geschichte spielt wieder in und um München.
Das Buch spielt zu großen Teilen in einer neuen Wohnsiedlung. Natürlich existiert die nicht in echt, aber sie könnte im Westen von München liegen, ungefähr bei Puchheim an der S-Bahn-Linie. Ich habe einfach auf Google Earth geguckt, wo noch Platz ist. Und das Lustige war, als ich schon sehr weit war mit dem Buch, lese ich morgens die Zeitung und stelle fest: Genau da wird jetzt eine Neubausiedlung gebaut.

Sie lesen all Ihre Bücher immer selbst für uns ein. Schreiben Sie da das Hörbuch mittlerweile auch schon ein Stück weit mit?
Es gibt immer Passagen beim Schreiben, bei denen ich das Hörbuch im Kopf habe. Ich schreibe die nicht extra fürs Hörbuch, aber ich denke dann schon: „Was hat die Figur in etwa für eine Stimme?“ Das ist mir immer total wichtig, weil ich es hinterher selber lesen muss … Und bei Kühn gibt’s ja unheimlich viele Stimmen, es gibt Frauenstimmen, Männerstimmen, Kinderstimmen, Jugendlichenstimmen …

Lesen Sie sich das Geschriebene zwischendurch laut vor?
Immer. Das hat zwei riesengroße Vorteile: Erstens findet man Fehler schneller, besonders Wortdopplungen oder ungeschickte, etwas komplizierte Formulierungen, verschachtelte Sätze, die man nicht versteht … Der zweite Grund ist, dass ich über das Laut-Lesen auch zu einem Schreibrhythmus finde. Es ist ganz wichtig, dass man versucht, auch bei einem längeren Text in einem gewissen Sound oder in einem gewissen Rhythmus zu bleiben. Man muss das etwas üben, weil es ein bisschen befremdlich ist. Man mag ja seine eigene Stimme nicht wahnsinnig gern hören, die meisten Menschen finden das unangenehm. Aber da muss man drüber hinweg. Man ist ja eh allein, das kriegt keiner mit. Man sitzt da allein an seinem Schreibtisch und da wird viel geplappert …

Wenn jedes Buch seinen eigenen Sound hat: Wie würden Sie den Sound von Kühn hat zu tun beschreiben?
Das kann ich nicht. Das müssten andere machen. Ich glaube, der Sound dieses Buches ist total mein Sound. Das zieht sich ja durch meine Figuren vom ersten Buch bis heute eigentlich durch, es sind immer etwas dysfunktionale Gestalten: Antonio Marcipane [Anm. d. Red.: u. a. aus Maria, ihm schmeckt’s nicht!] ist jemand, der nicht richtig in die Gesellschaft gehört, in der er sich befindet. Der komische Fußballspieler [Anm. d. Red.: aus Gibt es einen Fußballgott?] wird berühmt, obwohl er überhaupt nicht Fußballspielen kann. In In meinem kleinen Land ist es dieser Reisende, der durch ganz Deutschland fährt, überall nur einen Tag bleibt und eigentlich nicht richtig versteht, wo er gerade ist. Die ganzen Leute aus der Drachensaat sind alle ein bisschen plemplem und funktionieren nicht in der Gesellschaft. Und auch Pubertiere sind Gestalten, die noch ihren Platz suchen, noch nicht richtig sortiert sind.
Kühn ist eigentlich als Polizist Teil der Gesellschaft, mittendrin sogar – er muss ja die Werte und die Gesetze dieser Gesellschaft verteidigen –, es funktioniert aber nicht, also hat er eine richtig tiefe Krise. Das spielt bei mir immer eine Rolle. Es geht immer um Leute, die nicht richtig hundertprozentig dazugehören.

Wie verabschiedet man sich am Ende eines Romans von einem Protagonisten wie Martin Kühn? Legt man einfach den Stift aus der Hand, klappt den Laptop zu und sagt: Bis hierhin und nicht weiter?
Das Ende von dem Buch war eigentlich das Erste, was ich geschrieben habe, die letzten drei Seiten ungefähr. Und mir war immer klar, dass das Buch so aufhört. – Wir verraten aber nicht, wie’s aufhört. – Ich wollte so ein Ende haben, wo man sagt: Das gibt’s doch gar nicht! Was ist denn jetzt los?!

Interview: Teresa Grenzmann/der Hörverlag
Fotos: © Bettina Halstrick

Das ausführliche Videointerview könnt Ihr Euch hier anschauen.

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