Der schreibende Schauspieler – Dominique Horwitz liest sein Romandebüt „Tod in Weimar“

Während der Hörbuchaufnahmen trafen wir den Schauspieler, Regisseur und Chansonnier Dominique Horwitz zum Gespräch über sein Romandebüt Tod in Weimar. Und darum geht’s: In der Villa Gründgens, dem Weimarer Alterssitz für Bühnenkünstler, wird die Probenarbeit des Schiller-Zirkels jäh unterbrochen: Aus der greisen Theatergruppe stirbt unter mysteriösen Umständen einer nach dem anderen. Roman Kaminski, Kutscher und Stadtführer in der Goethe-Stadt, sieht sich gezwungen, der rätselhaften Todesserie auf den Grund zu gehen. Doch der ehrgeizige Kommissar Westphal scheint Kaminski in der Hand zu haben, der zu allem Überfluss auch noch zwischen zwei Frauen steht …

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Wie beschreiben Sie selbst Ihren Protagonisten Roman Kaminski?
Dominique Horwitz: Er ist auf jeden Fall viel interessanter, als ich es bin, denn er ist zu einhundert Prozent Dominique Horwitz und zu einhundert Prozent das, was Dominique Horwitz gern sein würde. Kaminski als Mister Zweihundertprozent ist viel diskreter und viel zarter als ich. Er ist viel gebildeter, er kann Klavier spielen und, und, und. Alles, was ich mir erträume, kann er nun für mich erleben, denn er lebt ja nun wirklich – im Roman.

Im Buch kutschiert Kaminski Touristen durch Weimar. Diese Figur kommt uns bekannt vor – aus dem Weimarer Tatort. Ist das Zufall? Wie entsteht so eine Figur?
Als ich nach Weimar zog, fiel mir auf, wie wenig diese Stadt medial präsent ist. Es gibt sie nur für den bildungsbewussten Kulturbürger, der in Scharen anreist, und die Deutsch-Leistungskurse. Oder wenn die Bibliothek abbrennt. Keine Stadt, von der man sagen würde, da will ich hin, da will ich leben. Denn was Weimar ausmacht, ist altes Gemäuer, Geschichte, Tradition, und dazu die beiden Aufklärer, die sich nicht trauen, Händchen zu halten. Also wollte ich eine Figur erfinden, die vom Damals erzählen, aber mit den Lesern über das Heute nachdenken kann. Mein Kutscher war geboren. Dass ich im Weimarer Tatort einen solchen Kutscher spielen durfte, ist reiner Zufall. Mein Kutscher Roman Kaminski soll von mir, meinem Leben, meinen Gedanken, meiner Liebe, vom Theater, dem Altern – und eben auch von Weimar erzählen.

Also auch ein Imagebuch für die Stadt Weimar?
Oh nein. Wenn schon, dann für das Image von Dominique Horwitz. (Lacht.) Trotzdem war das Buch für mich ein willkommener Anlass, mich mehr mit der Stadt zu beschäftigen, als ich es bisher getan hatte. Ich wusste gar nicht, wie bizarr und aufregend Weimar sein kann.

Sind Sie selbst gern Tourist?
Ich bin unsagbar ungern Tourist. Ich reise beruflich so viel, ich bin so oft weg von zu Hause – mit einem Urlaub kann man mir wahrlich keine Freude machen.

Wie ein Running Gag ziehen sich Goethe und Schiller, diese beiden berühmtesten Namen der Stadt, auch als wichtigste Zitatquellen durch Ihr Buch. Tippt einer auf Goethe, war es Schiller; fällt die Wahl auf Schiller, war’s von Goethe … oder gleich von Schopenhauer. Wenn Sie die Wahl haben: Goethe oder Schiller?
Auf jeden Fall Schiller. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er es einem wirklich nicht leicht macht. Schiller ist entschieden sperriger als Goethe, und deswegen interessiert er mich entschieden mehr.

Doch es gibt nicht nur Goethe und Schiller in Weimar – es gibt Buchenwald, und diese Kehrseite thematisiert auch Ihr Roman.
Ich finde die Nähe dieser „Attraktionen“ – Goethe, Schiller und diese ganze sogenannte Weimarer Klassik auf der einen Seite und Buchenwald auf der anderen – faszinierend. Ich finde, dass beides zusammengehört. Und nicht, weil es ein deutsches Phänomen ist, nicht, weil man hier die deutsche Seele am komprimiertesten geradezu körperlich spüren und erleben kann. Sondern weil Weimar mit diesem Widerspruch den Menschen als Ganzes repräsentiert – all das, was in uns an Großem, aber auch an Schrecklichem schlummert. Und von diesem Widerspruch lebt auch Tod in Weimar. Oder sollte ich lieber sagen: profitiert? Denn mein Roman ist eine Krimi-Komödie. Die Dialoge sind bissig und schnell, die Situationen zuweilen zum Schreien komisch. Auch über ernste Themen darf und soll man lachen. Roberto Benigni hat mit seinem Film Das Leben ist schön bewiesen, dass es geht. Dass Leute sagen: „Uuuuh, nee, lieber das Schöne, lieber das Erbauliche, keine Abgründe!“, ist verständlich, aber ein fataler Fehler. Deswegen finde ich, dass diese beiden Seiten Weimars auch den richtigen Stoff für einen höchst unterhaltsamen Krimi darstellen.

Das Seniorenheim in Ihrem Roman, die
Villa Gründgens, in dem Kaminski widerwillig als Hausmeister einspringen muss, ist in seinen ungemein kuriosen Details Ihre Erfindung …
Selbstredend.

… aber die Marie-Seebach-Stiftung, Deutschlands einziges Altersheim für Bühnenkünstler, gibt es wirklich in Weimar.
Ja, ich habe mich von der Stiftung inspirieren lassen, aber mein Altenheim und seine Bewohner sind reine Erfindung (lacht): Ich bin sicher, im Stift lebt man länger und gesünder. In der Villa Gründgens geht es aber womöglich anarchischer, chaotischer und frecher zu. Und auch die Erotik spielt dort eine tragende Rolle. Wie Sie sehen, habe ich mich noch nicht entschieden, wo ich mich im Alter niederlassen werde.

Dank der probierenden Schauspielertruppe in der Villa Gründgens liest sich Tod in Weimar auch als Schauspieler-Satire, inklusive aller möglicher Schrullen und Allüren. Gibt es einen anstrengenderen Rentner als einen ehemaligen Schauspieler?
(Lacht.) Es gibt, glaube ich, keinen anstrengenderen Rentner als einen alten Schauspieler oder eine alte Schauspielerin. Ebenso wie einen alten Musiker oder Schriftsteller oder Chansonnier … Alle Menschen, die berufsbedingt nach außen gehen müssen und es geschafft haben, sind, glaube ich, im Alter wahnsinnig anstrengend. Der Erfolg bleibt aus, das aufregende Leben bleibt aus, das Publikum bleibt aus. Was bleibt, sind Rückenschmerzen und Verdauungsstörungen. Ich fürchte mich vor dem eigenen Vergreisen. (Schmunzelt.) Ich hab‘ vor allem Angst für meine Frau, die das alles wird aushalten müssen!

Wäre das etwas für Sie? Altern im Kreis von Kollegen?
Die Vorstellung, unter meinesgleichen zu sein, kommt gleich hinter dem Bild, das ich mir von der Hölle mache. Nichts Überflüssigeres, als mit seinen Kollegen zusammenzuleben!

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Von Brecht zu Brel, von Mendelssohn Bartholdy zu Franz Kafka, vom Filmset aufs Theater und jetzt auch noch aufs Lesungspodium … Muss man sich Dominique Horwitz denn nun als schreibenden Schauspieler vorstellen? Oder lieber als singenden Romancier?
Ebenso wie ich ein singender Schauspieler bin, bin ich auch ein schreibender Schauspieler. Ich hoffe, das merkt man dem Buch an. Es lebt von den Figuren und der Situationskomik. Und den Dialogen. Dieses Buch speist sich aus meinen Theatererfahrungen, meiner Musikalität, und ist dabei nicht ganz zufällig eine große Liebesgeschichte.

Ihr Protagonist Roman Kaminski, selbst ein ehemaliger Schauspieler, denkt in Zitaten – ist das eine Berufskrankheit? Dass man die Texte längst abgespielter Rollen nicht mehr aus dem Kopf bekommt?
Keine, die ich habe. Aber ich kenne Kollegen, die das nicht nur irrsinnig gern machen, sondern auch wahnsinnig gut können … und mir damit unsäglich auf die Nerven gehen. Denn der Erfolg von gestern lässt sich bekanntermaßen nicht konservieren. Vielleicht werde auch ich später meinen Schleierfischen zitieren, was ich alles gespielt, gesungen und geschrieben habe! (Schmunzelt.)

Können Sie sich einen schöneren Beruf vorstellen als die Schauspielerei?
„Schön“ ist sicher keine Kategorie, um diesen Beruf zu charakterisieren. Dafür ist der Beruf zu anstrengend und zuweilen erbarmungslos. Man zahlt einen hohen Preis, um ihn auszuüben (schluchzt theatralisch), weil man zu oft fern der Heimat ist … Nein, ernsthaft, man muss nicht Schauspieler sein wollen, man muss Schauspieler sein müssen. Es darf dazu keine Alternative geben. Darüber hinaus: Gibt es überhaupt einen Beruf, bei dem der Begriff „schön“ auf dessen Ausübung zutrifft? Ich glaube nicht. Bevor jetzt jemand Mitleid bekommt: Das wirklich Anstrengende ist nicht das Leben des Schauspielers – das richtig Anstrengende ist das Leben mit einem Schauspieler. Das ist, glaube ich, eine ganz, ganz harte Nummer!

In Ihrem Roman haben Sie diesbezüglich vorgesorgt: Es wimmelt von starken Frauen aller Art.
Das Thema „Frauen“ ist ein zentrales Thema des Buches. Meine Hauptfigur Roman Kaminski tut sich leider sehr schwer mit den Damen. Sich zu offenbaren, lernt er erst ganz allmählich. Man muss ihn dafür nicht bewundern, aber man kann ihn vielleicht beneiden.

Sie haben Tod in Weimar selbst als Hörbuch eingelesen. Sind Sie denn nun Freunde geworden: das Studio und Sie? Und sind Sie Freunde geblieben: Ihr Roman und Sie?
Es fühlt sich sehr eigentümlich an, etwas, das einem so vertraut und so nah ist wie ein eigener Text, laut vorzulesen. Um ehrlich zu sein, habe ich mich etwas geziert. Doch der Verlag meinte, das Buch sei dermaßen Dominique Horwitz, dass ich das selbst einlesen müsse. Ich bin jetzt sehr froh darüber, denn ich habe gespürt, wie viel Persönliches ich noch beim Sprechen einfließen lassen konnte. Was zwischen den Zeilen geschrieben war, wofür ich keine Worte gefunden habe. Für mich eine große Erfahrung.

Bilder + Interview: © Teresa Grenzmann/der Hörverlag

Hier geht’s zum Trailer auf YouTube
Und hier zur Langversion des Interviewtrailers

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