Gentleman, Schelm und Hobby-Detektiv – Bastian Pastewka ist Paul Temple

Dass erst kürzlich der allererste Paul-Temple-Fall von Francis Durbridge zumindest als Fragment wiederauftauchte, ist für alle Fans ein doppeltes Glück: Erstens natürlich, weil der Fall seit seiner Ursendung 1946 als verschollen galt. Zweitens hat daraufhin Bastian Pastewka einige seiner Schauspielkollegen zusammengetrommelt – für ein höchst charmantes Retro-Hörspiel, aus der Zeit, als sich die Schurken mit einer gefälschten Visitenkarte vorstellten, bevor sie ihre Opfer mit einem Halstuch oder einem vergifteten Dry Martini ins Jenseits beförderten (erscheint am 10. November) … Nach den Hörbuchaufnahmen und einem lustigen Fotoshoot haben wir bei Bastian Pastewka nachgehakt.

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Wann haben Sie damit begonnen, ein Durbridge-Fan zu sein?
Ich kam in der Tat über die klassischen Paul-Temple-Hörspielserien des WDR erstmals mit dem Werk von Francis Durbridge in Berührung. Und zwar irgendwann Mitte der 1980er Jahre, ganz einfach als Hörer des WDR-Radioprogramms. Paul Temple und der Fall Margo war der Einstieg. Und mich faszinierte zunächst, dass dieses Hörspiel von 1962 über fast viereinhalb Stunden nicht an Spannung verlor. Später organisierte ich mir die restlichen Temple-Serien und schaute die Fernseh-Mehrteiler wie Tim Frazer, Das Halstuch oder Der Andere.

Was unterscheidet Paul Temple von anderen Ermittlern? Warum ist er Kult?
Paul Temple ist ja Schriftsteller von Beruf. Ein Gentleman, Schelm und unkonventioneller Hobby-Detektiv. Per Zufall schliddert er stets in grausige Mordanschläge, die von einem dreisten Täter mit Decknamen verübt werden – und eben weil er so clever ist, wird er von Scotland Yard jedes Mal aufs Neue gebeten, den jeweiligen Fall zu lösen. Mit Hilfe seiner Frau Steve. Das allein ist im Grunde heute völlig unmöglich: Warum sollte eine Polizei-Organisation ausgerechnet zwei Amateure, die überdies prominent sind, bei ihren Ermittlungen voranstellen? Francis Durbridge hat das nicht gestört, er wollte eben ein heiteres Figurenpaar zu seinen Helden machen. Noch abwegiger ist oft das Gewirr der Spuren, der Verdächtigen und der Zufälle in den Temple-Geschichten. Aber innerhalb des Durbridge-Universums machen die Dinge stets Sinn und verblüffen größtenteils heute noch. Zum Kult ist Paul vielleicht geworden, weil das Publikum positive Helden mag, die Geschichten leicht zu verstehen sind und es in Deutschland ganze elf erhaltene Radio-Serien gibt, die zwischen 1951 und 1967 produziert wurden. Und die eine Generation begleitet haben.

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Dass dieser allererste Temple-Fall verloren ging und schließlich wiederentdeckt wurde, ist selbst ein kleiner Krimi. Was ist da passiert?
Nach allem, was bekannt ist, scheint der NWDR im Jahre 1949 die erste Durbridge-Serie fürs Radio produziert zu haben: Paul Temple und der Fall Gregory – ein zehnteiliges Hörspiel, in dem René Deltgen offenbar bereits den Paul Temple spielte. Francis Durbridge hatte The Gregory Affair 1946 für die BBC geschrieben, und dies war schon seine siebte Temple-Geschichte seit 1938. Die englische Version wurde nach der Ausstrahlung gelöscht – und auch die deutsche Fassung des NWDR existiert nicht mehr. Wiederentdeckt wurde jedoch das deutsche Skript; also die Textseiten, die die Schauspieler 1949 in den Händen hielten. Aber sie waren nicht komplett. 2013 haben sich findige Redakteure von WDR und SWR zusammengetan, um die Geschichte zu rekonstruieren. Es existierte überdies eine norwegische Radiofassung von Paul Temple und der Fall Gregory, an der sich unser Regisseur Leonhard Koppelmann und sein Team orientierten.

Ein Glück, dass dieser Fall nun endlich wiedergefunden wurde?
Schöner wäre natürlich der Fund des eigentlichen Hörspiels gewesen, aber der Anblick der vergilbten Textseiten von 1949 war aufregend genug. Wir haben uns entschieden, den Fall Gregory nicht in Gänze neu zu produzieren. Wir fanden es spannender, das Mysterium dieses verschollenen Falles nicht aufzulösen, sondern mit seinem Geheimnis zu spielen. Unsere Fassung ist eine Hommage an die frühen Radiotage, an die klassische Temple-Radio-Serie und ein Gruß an alle Hörer, die an der Menge von Figuren namens Clayton, Palmer, Doyle, Roberts und Talbot verzweifelten. Meine vier Schauspiel-Kollegen sprechen insgesamt bis zu 20 Rollen, ich dagegen bin Paul Temple und agiere zugleich als Besserwisser, der den anderen die Durbridge-Welt näherbringt.

Erzählen Sie uns ein bisschen von Ihrer Textarbeit für diese Hörspielinszenierung? Ist das etwas, was einem so nebenbei von der Hand flutscht?
Die Text-Adaption haben Leonhard Koppelmann und Holger Heddendorp übernommen, ich habe am Ende ein paar Durbridge-Fakten und Temple-Insider ergänzt. Aber ich durfte mir die Kollegen aussuchen: Janina Sachau ist die perfekte Annemarie Cordes, die seinerzeit die Steve Temple sprach. Inga Busch spielt die zwielichtigen Frauen im Stil der Temple-Stammsprecherin Lilly Towska. Alexis Kara klingt wahlweise wie Peter René Körner, Herbert Hennies oder Heinz Schimmelpfennig und Kai Magnus Sting wie Kurt Lieck als Sir Graham Forbes, der Chef von Scotland Yard.

Die Inszenierung selbst ist im Stil vergangener Zeiten gehalten. Weil auch die Ursendung 1946 stattfand – oder sind alte Hörspiele einfach besser?
Wir klingen zwar wie ein klassischer Temple, aber wir beweisen auch, dass früher nicht alles besser war. Zwischen 1949 und 2014 hat sich viel geändert: Es gibt heute keine Ganoven mehr, die Drogen in Mantelknöpfen transportieren oder mit Hilfe einer Schallplattenhülle codierte Botschaften senden, wie es bei Paul Temple üblich ist. Aber der Durbridge-Rhythmus, die Sprache, die markante Geräuschkulisse und die wunderbare Musik von Hans Jönsson, die unter den erhaltenen Durbridge-Hörspielen des WDR liegt, gibt es auch bei uns.

Manchmal bricht die Inszenierung mit der Fiktion und plötzlich hört man Sie als Bastian Pastewka sprechen. Warum?
Unser Stück handelt von dem Weg zu einem klassischen Durbridge-Hörspiel und den Unterschieden zwischen damals und heute. Daher verlassen wir fünf hin und wieder das Stück und resümieren, was wir da gerade gespielt haben und wieso wir – zu Recht – verwirrt sind. Wir nehmen den Hörer an die Hand. Oder wir brechen ab, weil wieder ein paar Seiten des Textes fehlen. Aus den vielen Fragmenten des Skripts und der Spurensuche der Schauspieler entsteht ein neues Geheimnis, das wir im großen Finale für die Ewigkeit lösen.

Was ist für Sie das Besondere an Live-Hörspielen?
Von November bis März gehen wir fünf mit unserer Fall-Gregory-Version auf die Bühne und bringen den Zuschauern die Hörspielwelten des Deutschen Nachkriegsradios noch einmal ins Ohr und Auge. Wir sprechen alle Rollen, machen die Geräusche selber und singen sogar die verruchten Lieder, die im schummrigen Nachtclub Brazil erklingen, in dem Paul und Steve den seltsamen Mr Gregory vermuten. Das Ganze ist eine fröhliche Temple-Live-Show mit Krimi- und Comedy-Elementen, sogar mit Raum für Improvisationen. Ein „Wer ist der Mörder?“-Stück mit Überraschungen.

Manch einer wäre gerne Spiderman oder Sherlock Holmes. Wäre für Sie selbst ein Leben als Paul Temple erstrebenswert?
Nein; ich glaube, mir wäre ein Paul-Temple-Dasein zu anstrengend. Ständig würde meine Frau entführt, in meinem Wagen eine Bombe versteckt und es kämen laufend fingierte Briefe und Anrufe von einem Serienkiller. Wo bliebe da noch Zeit für Wellness und Nachspeisen?

Hatten Sie Spaß beim Fotoshoot mit Dry Martini, Hut und Tatwaffe?
Ja sehr. Aber die Mode von 1949 trägt an meinem Körper sehr auf. So wie alles, was ich in letzter Zeit anziehe. Merkwürdig …

Noch eine letzte Frage, die am Ende unserer Interviews nicht fehlen darf: Was ist Ihr Lieblingsgeräusch?
Bei Paul Temple ist es die Federung seines Autositzes. Ein markantes „Twäng“, das wir übrigens auch in unser neues Hörspiel übernommen haben!

Zur Hörprobe

Fotos: © Carsten Sander
Interview: © Teresa Grenzmann/der Hörverlag

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