Wo die Toten ruhen: Eva Mattes liest Elisabeth Herrmann

Anlässlich der Lesung von „Das Dorf der Mörder“ im Hörverlag sprachen Elisabeth Herrmann und Eva Mattes über eigenwillige Figuren, menschliche Abgründe und die Herausforderungen des Hörbuchs

Eva Mattes: Was ich wirklich sehr faszinierend finde, ist Ihre abgrundtiefe, dunkle Horrorphantasie. Haben Sie das alles in sich?

Elisabeth Herrmann: Ich vermute, ja. Eine der gruseligsten Erinnerungen meiner Kindheit war, Kohlen holen zu gehen. Man musste links und rechts eine riesige Schütte in die Hand nehmen, dann schickten mich meine Eltern nicht nur runter in den Keller, sondern auch noch einen Gang weiter. Und ich hatte eine unfassbare Angst, in der Dunkelheit da runterzugehen.

Mattes: Bevor Sie anfangen zu schreiben: Haben Sie die Geschichte schon im Kopf?

Herrmann: Beim „Dorf der Mörder“ ist etwas ganz Erstaunliches passiert: Ich hatte einen genialen Plot über einen jungen Psychologen, der sich in die Schwester einer Mörderin verliebt … Und wer ist zuerst am Tatort? Eine Streifenpolizistin. So schmuggelte sich eine junge Frau mit Namen Sanela Beara in dieses Buch hinein, fing an, mit ihren Ellenbogen immer mehr Platz für sich zu beanspruchen und hat mein ganzes Exposé übern Haufen geschmissen … Aber um einen Kriminalfall von A bis Z lösen zu können, muss man eine Struktur haben. Das ist ein bisschen so wie ein Schachspiel von vornherein durchberechnen. – Wie haben Sie sich denn an die Figuren herangetastet?

Mattes: Ich lese das Buch erst einmal durch. Bevor ich ins Studio gehe, lese ich es dann nochmal sehr genau. Ich mache mir aber keine Notizen und überlege mir im Prinzip auch vorher nicht, wie ich eine Figur spreche. Die Hauptfigur, in dem Fall: Sanela, hat meine Stimme. Je mehr Figuren es sind, desto mehr muss man sie gestalten. Aber ich entscheide es im Moment vorm Mikrophon, also total intuitiv und spontan. Und eigentlich stimmt es fast immer.

Herrmann: Haben Sie denn das Gefühl gehabt: Das ist spannend!

Mattes: Nicht nur das Gefühl! Ich saß da in meinem Sofa drin und bei jedem Geräusch, was ich auf der Treppe hörte … Wahn-sinnig spannend!

Herrmann: Das freut mich total. Beim Schreiben ist man nämlich gar nicht gespannt. – Wo ist denn Ihre kriminelle Ader?

Mattes: Ich weiß nicht. Ich bin eigentlich sehr brav … Ich glaube, bei mir kommen die Abgründe auf der Bühne raus, in den Rollen.

Herrmann: Das kompensiert man. Also wären Sie sonst vielleicht eine begnadete Hochstaplerin, Ladendiebin, Bankräuberin geworden?

Mattes: Ich weiß es wirklich nicht. Ich übe ja meinen Beruf in dem Wissen aus, ich kann alles in mir auffinden: die Mörderin, das Opfer, die Diebin, die Ängstliche, die Panische, die Kranke, die Alte, die Junge … Denn jeder Mensch hat alles in sich, da muss man halt nur graben.

Herrmann: Sonst sind Sie ja immer nur Teil einer Produktion, Sie spielen eine Rolle. Aber beim Lesen sind Sie jemand, der das ganze Werk vertritt.

Mattes: Ja. Das ist auch das Schöne daran. Ich weiß noch, als ich meine erstes Hörbuch gemacht und es dann anschließend in den Händen gehalten hab‘, das hatte für mich einen irrsinnigen Wert.

Herrmann: Also ist Hörbuch eine eigenständige Gattung, die sich gar nicht zu verstecken braucht?

Mattes: Nein, überhaupt nicht. Lesen ist mit das Schwerste überhaupt. Und Lesen im Studio erfordert eine unglaubliche Konzentration: Da sitzt man mit den Blättern vor sich, ganz still, und muss trotzdem in die Stimme alles legen, was normalerweise ein Körper hergibt – im Gehen, im Stehen, im Laufen, im Schreien, im Wimmern, alles. Insofern finde ich, ist es eine hohe Disziplin.

Herrmann: Würden Sie das Buch im Bekanntenkreis empfehlen?

Mattes: Ich würde es empfehlen! Es ist wahnsinnig spannend, es ist gruselig, es hat Humor, was ich ganz wichtig finde, es ist auch zärtlich. Und man weiß einfach nie, wie’s weitergeht, man wird immer überrascht.

© Elisabeth Herrmann und Eva Mattes, im Auftrag von der Hörverlag

Die Autorin
Krimipreisträgerin Elisabeth Herrmann (*1959) arbeitete nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin beim RBB, bevor sie mit ihrem Roman „Das Kindermädchen“ ihren Durchbruch erlebte. Fast alle ihre Bücher wurden verfilmt; im Hörverlag erschien zuletzt die Lesung „Schattengrund“.

Die Sprecherin
Schauspielerin Eva Mattes (*1954) hat für ihre Engagements vor der Kamera und auf der Bühne zahlreiche Preise erhalten. Als Kommissarin Klara Blum ermittelt sie für den Konstanzer „Tatort“; für den Hörverlag las sie zuletzt „Zwei bemerkenswerte Frauen“ von Tracy Chevalier.

Hier könnt Ihr das Gespräch in voller Länge anschauen:

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