Lachen und Lieben: Eckart von Hirschhausen im Interview

Dr. med. Eckart von Hirschhausen im Gespräch zu seinem Hörbuch „Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?“ im Hörverlag

Herr von Hirschhausen, was ist gesünder: lachen oder lieben?
Beides! Zum Glück ist das ja kein „entweder – oder“, sondern ein „je mehr – desto besser“! Man darf sogar beim Sex lachen, nur nicht mit dem Finger zeigen. Was sich liebt, das neckt sich, und lacht viel. Und wer lacht, kann in dem Moment auch nicht im Kopf woanders sein oder mit dem Herzen. Liebe ist ja kein Substantiv, sondern ein Verb, ein Tu-Wort in der Empfehl-Form, denn befehlen lässt sie sich nicht.

Bei der Lektüre Ihres Buches und Ihrer Liedtexte entsteht der Eindruck: Sie sind ein Romantiker – richtig?
Wir sind alle zwischen zwei unvereinbaren Positionen zerrissen, zwischen Romantik und Realismus. Der Romantiker in uns sagt, es gibt für jeden Menschen auf der Welt genau einen richtigen Partner. Und der Realist sagt: „Da muss ja nur einer den Falschen nehmen, und dann geht’s für alle nicht mehr auf.“ Ich habe beide Pole in mir drin – und wie immer entsteht Komik aus unlösbaren Widersprüchen.

Wie recherchiert man denn zum Thema Liebe?
In jeder Geschichte steckt ein Stück Wissenschaft. Ausgangspunkt sind oft Studien, die verblüffen, weil sie unsere Überzeugungen unterlaufen. Ich habe Zugang zu aktueller Forschung und einen hervorragenden Wissenschaftsjournalisten, der mich über neue Bücher und Gebiete auf dem Laufenden hält. Alleine könnte ich das gar nicht bewältigen. Meine eigene Leistung ist dann, komplexe Dinge verständlich zu machen, alltagstauglich und vor allem das menschliche darin zu erkennen, wenn es zum Beispiel um Makaken im Fahrstuhl oder das Partner-Ausspannen beim Amazonas-Kärpfling geht.

Woher kommt unser Bedürfnis, die Liebe erklärbar zu machen?
Unsere Gefühle führen scheinbar ein Eigenleben und können viel aufwühlen, heilen, aber auch zerstören. Ich finde es spannend zu hinterfragen, was an unseren Emotionen Himmelsmacht und was Evolution ist, was macht heute noch Sinn und was macht uns unglücklich. Liebe wirkt, und hat ihre Nebenwirkungen. Und die Dosis macht das Gift – ständig verliebt sein zu wollen ist auf Dauer unerträglich.

Und was ist die Liebe nun? „Bloß“ ein Wunder? Wunderbar? Oder kann man Liebe auch irgendwie medizinisch erklären?
Was Liebe ist, lässt sich ganz einfach auf eine Formel bringen – nämlich dass sie Liebe nicht auf eine Formel bringen lässt [lacht]. Als Mediziner ist man versucht, Liebe als Spiel von Hormonen zu erklären und darauf zu reduzieren. Aber dennoch bleibt ein Rest, der wunderbar und unerklärlich ist. Dagegen behauptet eine moderne Theorie der Liebe zwischen Mann und Frau, sie sei ein Abfallprodukt der eigentlichen Liebe zwischen Mutter und Kind. Diese Ur-Bindung, welche für unser Überleben als Säugetiere entwickelt wurde, ist im Laufe der Evolution zur partnerschaftlichen Beziehung erweitert worden, aber unter Verwendung derselben Andockstellen und hormonellen Systeme. Das würde erklären, warum sich frisch Verliebte so gerne füttern und kitzeln und ihr Wortschatz wochenlang nur aus „Dududu“ besteht.

Bei Ihren Auftritten bitten Sie Ihr Publikum um seine Lieblings-Liebesbeweise. Was ist der schönste, größte Liebesbeweis für Sie?
Der schönste Liebesbeweis für beide Seiten sind wohl gemeinsame Kinder und für einander da zu sein, vor allem in Krankheit und Krisen. Liebe beweist sich in vielen kleinen Dingen des Alltags, also Blumen mitbringen und Müll runter. Wir Männer neigen frisch getrennt zu großen dramatischen Gesten und schreiben „Komm zurück, Petra“ an den Himmel. Während Petra, die Manfred aus gutem Grund verlassen hat, unten steht und denkt: „Hoffentlich sieht es keiner“ …

Was ist dran an dem Spruch: „Ich schenke Dir mein Herz“?
Viel – deshalb habe ich auch einen Organspendeausweis.

Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis der Erotik-Trilogie „Shades of Grey“?
Lust und Schmerz liegen eng zusammen, und die schönsten Glücksmomente sind die, wo man so im Moment lebt, dass man sich über nichts anderes Gedanken macht. Die Wege in diese „Selbstvergessenheit“ sind sehr unterschiedlich. Manchen hilft es offenbar, kontrolliert die Kontrolle abzugeben. Und vielen hilft es offenbar, an diesen Phantasien teil zu haben. Ich muss zugeben, dass ich bisher nicht das Gefühl hatte, etwas zu verpassen. Aber ich werde es noch lesen – bevor ich mich peitschen lasse [lacht].

Medizinisch gesehen: Was ist Liebeskummer? Und wie kann man ihn kurieren, was verschreiben Sie dagegen?
Eigentlich sollte dieser Liebeskummer nicht Liebeskummer bezeichnet werden dürfen, das klingt so klein und pubertär, dabei leiden wir wirklich seelisch und auch körperlich. Wie man heute dank bildgebender Verfahren sehen kann, unterscheidet unser Gehirn nicht zwischen realen und ‚eingebildeten‘ Schmerzen. Soziale Zurückweisung und Ablehnung wird über dieselben Nervenbahnen signalisiert wie physischer Schmerz, wenn beispielsweise jemand einem auf den Fuß tritt. Nur schlimmer. Liebeskummer erinnert in den Symptomen an eine
Depression. Deshalb beschreibe ich auch im Buch, was gegen Liebeskummer hilft. Denn man kann tatsächlich auch an gebrochenem Herzen sterben. Und sich ernsthaft das Leben versauen.

Wohin geht die Liebe denn nun, wenn sie durch den Magen durch ist? Oder anders gefragt: Wohin sollte sie gehen?
Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich weiß noch nicht einmal, ob es die Liebe überhaupt gibt. Zu vielfältig erscheinen mir am Ende meiner Beschäftigung mit der Liebe die verschiedenen Puzzlesteine und Formen. Manche erleben eine große Liebe im Leben. Andere täglich viele kleine. Kann man sie gegeneinander abwiegen? Im Stück oder in Scheiben? Und darf es ein bisschen mehr sein?

Welches ist Ihr persönliches Lieblingsorgan und warum?
Eindeutig – das Gehirn. Das erkennt man an der einfachen Tatsache, dass es das einzige Organ ist, bei dem ich im Falle einer Transplantation lieber der Spender wäre als der Empfänger. Über Jahrhunderte glaubte man, das Herz sei der Sitz der Seele. Und auch daran ist ja etwas Wahres. Das Herz muss höher schlagen! Ich liebe Menschen im großen Ganzen.

Eine der schönsten Aufforderungen in Ihrem Buch lautet: „Lachen Sie, was das Zeug hält, denn die Tränen, die Sie lachen, müssen Sie nicht mehr weinen.“ – Stimmt das wirklich? Kann man alle Situationen im Leben mit Humor nehmen oder: Wie viel Humor ist (noch) gesund?
Gegenfrage: Wenn man keinen Sinn für Humor hat – welchen dann? Das ist für mich das einzige dauerhaft relevante Kriterium für eine Partnerschaft: kann man zusammen lachen! Humor ist nichts Oberflächliches, sondern die tiefe Einsicht in die Paradoxie des Daseins, an der wir verrückt werden können oder darüber lachen. Gesünder ist das Lachen!

Wie sind Sie eigentlich drauf, wenn Sie mal nicht so gut drauf sind? Oder gibt’s das gar nicht?
Wenn ich nicht so gut drauf bin, werde ich eher still und ziehe ich mich schon mal zurück. Und in diesen Situationen schwimme ich sehr gerne, singe und spiele Gitarre. Mir tut außerdem Meditation gut: Einfach mal zehn Minuten auf ein Kissen setzen, die Klappe halten und atmen. Das verschafft mir auch eine mentale Distanz zu dem, was ich auf der Bühne mache – und hilft später dabei, glaubwürdig zu sein. Meditation kann ich nur jedem empfehlen. Den Gedanken zuschauen, statt sie allzu ernst zu nehmen.

Warum haben wir in der Regel Angst vorm Arzt – obwohl er oft der Einzige ist, der uns gesund machen kann?
Die Crux der Vorsorge-Untersuchungen ist, dass da die Sorge drin steckt. Und für viele nicht die Fürsorge für sich, sondern die Sorge vor schlechten Ergebnissen. Ich bin kein Fan davon, ohne guten Grund zum Arzt zu gehen. Viele gehen viel zu oft, dafür andere gar nicht. Und eine Geschichte, auf die ich sehr gespannt bin ob die Metapher Kreise zieht, vergleicht den Arzt mit einem Torwart beim Elfmeter. Der Keeper hätte nachweislich die besten Chancen, Tore zu halten, wenn er einfach stehen bleibt statt dramatisch in eine Ecke zu hechten. Aber das tut keiner, weil es uncool aussieht. Der Arzt will auch lieber Aktion als Abwarten, dabei wäre es oft viel schlauer KEIN Medikament zu verordnen, das Knie nicht zu spiegeln und die Kinder auf natürlichem Wege kommen zu lassen.

Wie steht es um unsere „Selbstheilungskraft“?
Liebe ist eine große heilende Kraft. Bereits nach einem kurzen Streit verschlechtert sich die Wundheilung. Ein Teil der Liebe ist das, was man „self compassion“ nennt, die Fähigkeit mit sich selbst befreundet zu sein. Der größere Teil ist aber, sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben, Glück kommt selten allein, Liebe auch.

Woher kommt Ihre Passion dafür, Liebesliedtexte umzudichten und zu singen?
Singen ist einer der direktesten Wege, selber glücklich zu sein und bei anderen Gefühle auszulösen. Die Musik hat eine Kraft, die ich mit dem Wort allein nie erreiche. Und am schönsten ist es, wenn am Ende meines Live-Programmes alle mitsingen, auch die Zuschauer, die es nie für möglich gehalten hätten, dass ihnen das Spaß machen könnte.

Werden wir Sie auf der neuen CD auch singen hören?
Keine Angst – das mache ich nur auf der Bühne.

Sie sind ein Mann der Live-Auftritte: Was bedeuten Ihnen Ihre Hörbücher? Oder unblumiger: Was kann das Hörbuch, was das Buch nicht kann?
„Du hättest dabei sein müssen!“ Das ist meistens der Satz, mit dem man resigniert eingesteht, dass jemand, der nicht anwesend war, so schwer nachempfinden kann, was an einem Witz, einem Urlaubserlebnis oder einer Party so lustig gewesen sein soll – oder eben auch an einer Lesung. Zum Glück gibt es Hörbücher. Und ich dem Moment wo ich die Augen schließe und lausche, bin ich sofort mitten im Geschehen. Keine Nacherzählung, sondern direkt dabei. Deshalb sind die wichtigsten Mikrofone auch nicht das des Vorlesenden, sondern die der Zuhörer – für die „Atmo“, das Lachen, das Stühlerücken, die kleinen und großen Reaktionen. Und auf einer richtig guten Aufnahme hört man sogar, wenn die Leute lächeln …

Gemeinsam mit dem Literaturkritiker Hellmuth Karasek haben Sie für „Ist das ein Witz?“ Witze erzählt und analysiert – gibt es noch andere Menschen (wobei diese Frage auch berühmte Tiere o. ä. ggf. nicht ausgrenzen soll), mit denen Sie gern auf der Bühne zusammenarbeiten würden … oder sogar: werden?
Flipper!

Auf was „leben Sie hin“?
Dass aus dem „Hin“ noch lange kein „Weg“ wird. Und dafür ist es förderlich, ab und an „hin und weg“ zu sein. Ich kann mich für vieles begeistern, so gesehen lebe ich darauf hin, in Zukunft noch mehr im Moment zu sein. Oder schon jetzt.

Interview: der Hörverlag
Foto: Frank Eidel


Dr. Eckart von Hirschhausen erzählt dem Hörverlag einen Witz:

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