Alex Capus im Interview zu seinem neuen Hörbuch „Mein Nachbar Urs“

Wir waren zu Besuch im Hanser Verlag, um dort den Schweizer Autor Alex Capus zu treffen. Am 24. Februar erscheint seine neue Kolumnensammlung „Mein Nachbar Urs“, das dazu gehörige Hörbuch hat er für uns höchstpersönlich im Studio eingesprochen. Das äußerst sympathische Interview gibt’s hier zu lesen:

Wenn ich mir Alex Capus beim Schreiben vorstelle, ist das jemand, der schreibt, wo immer ihm die Worte einfallen – und mitschreibt, wo immer ihm die Worte gefallen. Das liegt vielleicht an Ihren Figuren, die auch stets in Bewegung sind, voller Taten-, Wissens-, Lebensdrang … Aber stimmt es denn überhaupt?
Das stimmt schon. Meine Figuren sind Leute, die in der Welt stehen und etwas machen. Ich bin auch so einer: Ich mache immer irgendetwas, mir ist nie langweilig. Ich habe fünf Kinder und bin verheiratet, ich baue Häuser und reiß die nieder und bau‘ ‘was Neues und das macht mir Spaß. Mir gefällt das, in der Welt tätig zu sein. Ich bin nicht einer, der hauptamtlich durch die Gegend läuft auf der Suche nach Geschichten. Die ergeben sich dann, die laufen mir zu, die Geschichten, weil ich in der Welt bin.

Zuhause gibt es dann die berühmte Gartenlaube, in der Sie sitzen und schreiben?
Ja, es gab einen Sommer, da habe ich eine Gartenlaube aus Lärchenholz gebaut. Aber meine Kinder wissen jetzt, wo sie mich finden können, das ist kein gutes Versteck mehr. Jetzt versteck ich mich mit meinem ganz kleinen Laptop irgendwo im Haus, auf dem Dachboden oder in der Sauna. Das ist ein gutes Versteck im Sommer, da findet mich keiner … [Lacht.] Es ist mir nicht wichtig, wo ich arbeite. Hauptsache, es redet keiner mit mir, dann kann ich überall arbeiten.

Gehen Ihnen Ihre Romane genauso leicht von der Hand, wie sie sich beim Lesen anfühlen?
Ich schreibe gern. Aber das heißt nicht, dass es leicht von der Hand geht, wenn es leicht zu lesen ist. Im Gegenteil: Es ist ein schönes Stück Arbeit. Dafür schreibe ich von jedem Textstück Dutzende von Fassungen. Das mach‘ ich ohne Ende und eigentlich am liebsten.

Können Sie sich noch erinnern, was das Erste war, was Sie je geschrieben haben – mit dem Gedanken, es anschließend zu publizieren?
Ich habe schon als kleiner Junge in der Grundschule Abenteuergeschichten geschrieben. Ich hab‘ sie meinen Kumpels zum Lesen gegeben … wenn sie mir dafür ein Eis gekauft haben. Und später hätt‘ ich gern geschrieben, es ist mir aber nichts eingefallen, was die Mühe wert gewesen wäre. [Lacht.] Vielleicht auch deswegen, weil ich noch zu sehr mit mir selber beschäftigt war, mich für extrem interessant hielt … Das ist jetzt nicht mehr so, und deswegen fällt’s mir viel leichter, einen unbeschwerten Blick auf die Welt zu werfen. Ich werde zuweilen bei Lesungen gefragt: „Ist Schreiben für Sie ein schmerzhafter Prozess?“ Dann sag‘ ich: „Nein! Sonst würd‘ ich das nicht machen! Es ist mir ein Vergnügen.“

Wenn Ihre Kumpels Ihnen dafür ein Eis spendiert haben, dann war das, was Sie geschrieben haben, ganz schön gut!
Die waren gut, die Geschichten! Piraten- und Cowboy-Geschichten, Jungs-Kram halt. Aber ich bin gut durch den Sommer gekommen, ja.

Gibt es diese Geschichten noch?
Nein, ich glaub‘ nicht.

Man erinnert sich, aber reproduzierbar sind sie nicht …
Ich finde auch, bestimmte Dinge sollte man der Gnade des Vergessens anheimfallen lassen. Ich erröte schon zart, wenn ich meine ersten gedruckten Bücher anschauen muss. Manches würde man ja nicht mehr so machen … [Lacht.]

    „GRÖßTMÖGLICHE ELEGANZ ENTSTEHT, WENN MAN SICH IM SCHRIFTLICHEN
    SOWEIT ALS MÖGLICH DER GESPROCHENEN SPRACHE ANNÄHERT.“ ALEX CAPUS

Was bedeutet Ihnen der kleine Stil: die Erzählungen, Kolumnen, Reportagen?
Das ist eine alltägliche Verpflichtung, die ich habe. Im Städtchen Olten, wo ich wohne, gibt es den STADTANZEIGER: ein Gratisanzeiger, grad deswegen gefällt es mir, da eine wöchentliche Kolumne zu haben. Ich find‘ das so popelig, dass es wieder gut ist! [Lacht.] Dann hab‘ ich in der WESTSCHWEIZER, in der französischen Schweiz, seit einer Weile auch eine Kolumne, die ich direkt auf Französisch schreibe. Das ist eine echte Herausforderung, zumindest zu Beginn gewesen. Wenn ich da wieder allzu routiniert bin, mach‘ ich’s dann auf Türkisch oder so … [Lacht.]

Wie sind die Kurzgeschichten „Mein Nachbar Urs“ entstanden – und wie viel davon ist wirklich wahr?
Da sind die allermeisten in wöchentlicher Folge im Oltener STADTANZEIGER erschienen. Und ich habe tatsächlich mehrere Nachbarn, die Urs heißen, das ist so. Schräg über unsere Gärten hinweg kann ich denen zuwinken und beim Kaffeetrinken zuschauen. In einer kleinen Stadt muss man ja Dinge sagen können, die ein bisschen gefährlich sind. [Lacht.] Und so habe ich meine fünf Nachbarn Urs, denen ich alles Mögliche in den Mund lege. Ich hab’s nicht gesagt und jeder Einzelne von meinen Ursen kann sagen: „Naa, der andere ist gemeint!“ So kann ich alle unangenehmen Wahrheiten, für die ich den Kopf nicht hinhalten will [lacht], und Klatsch und Tratsch und Dummheiten verbreiten und meine Nachbarn Urs haben’s gesagt. Das ist ein lustiges Gefäß!

… und im Zweifelsfall war‘s dann der sechste Urs, der nicht genannt werden will?
Genau!

Ihre Kolumnen haben den Oltener Tourismus sicher ordentlich angekurbelt …
Ja, ich habe ja schon zwei, drei kleine Bändchen über Olten geschrieben und die sind wirklich zu einem spürbaren touristischen Faktor geworden. Wer mit der Bahn unterwegs ist in der Schweiz, kommt da vorbei, aber nie steigt einer aus. Und jetzt steigen sie aus, weil sie mein Büchlein gelesen haben, und wollen sich das mal anschauen [lacht].

Eine Geschichte in „Mein Nachbar Urs“ spielt genau dort, auf dem Bahnhof, wo sich alle Bahnlinien der Schweiz kreuzen …
Ja, Olten liegt zwischen Zürich, Basel, Bern und Solothurn, wenn man will. Sternförmig gehen von da die Eisenbahnlinien weg, das ist ein eisenbahntechnisches Wunder. Und jeden Morgen wird die Gesellschaft in der Bahnhofunterführung aufgedröselt: Die Banker fahren nach Zürich, die von der chemischen Industrie fahren nach Basel, die Bundesbeamten nach Bern und die Sozialarbeiter nach Solothurn und so weiter. Und man sieht das den Einzelnen schon in der Unterführung an, wo sie hochgehen werden, weil jeder so gekleidet ist, damit er in sein Biotop hineinpasst.

… und dann spielen Sie mit dem Zufall.
Ja, ich würd mir wünschen, dass die Schweizerischen Bundesbahnen wegen eines Zwischenfalls vielleicht einmal die Züge vertauschen. Und dass auf Gleis 7 nicht mehr der Zürcher Zug fährt, sondern plötzlich der Berner Zug, und die Banker plötzlich in Bern die Bundesverwaltung besorgen müssen oder umgekehrt. Das könnt‘ ja mal einen ganz neuen Blick auf alles ermöglichen!

Glauben Sie an den Zufall, der sich ja auch als roter Faden durch Ihre Romane zieht, oder sollte der Mensch sein Leben zu jeder Zeit aktiv selbst in die Hand nehmen?
Philosophisch gesehen, glaube ich nicht an den Zufall. Alles, was passiert, steht in einer Kausalkette, nehme ich an. Den Zufall sehen wir nur als solchen, weil wir die Kausalitäten nicht erkennen.

Schiller_Capus_(c)Hoerverlag„Bin das ich?“, fragt Alex Capus plötzlich während des Interviews und zeigt auf den Schreibtisch der Kollegin von Hanser. Nein, das Lesezeichen, das da an einem Ordner steckt, zeigt Friedrich Schiller, aber die Ähnlichkeit ist doch verblüffend …


Es gibt Schriftsteller, deren Schreibstil gern als „lakonisch“ bezeichnet wird. Sie sind einer von ihnen. Empfinden Sie Lakonie als Kompliment?
Ja! Weil ich verstehe, was die Leute meinen. Und ich hoffe, dass die Leute auch verstehen, was ich meine, wenn ich so schreibe, wie ich schreibe. Ich glaube, damit ist oft gemeint, dass ich mich damit bescheide, die Ereignisse in ihrer Äußerlichkeit darzustellen. Ich versuche nicht noch auszudeutschen, was die unsterbliche Seele meines Helden empfindet, wenn sie tut, was sie tut. Ich halte es für den größten Fehler, wenn man seinen Leser für blöd hält. Überhaupt im Leben: Man soll sein Gegenüber nie unterschätzen. Deswegen will ich nichts erklären, was sich von allein versteht. Deswegen erzähle ich, was geschehen ist, und die Interpretation der Geschehnisse überlasse ich lieber dem Leser.

Vielleicht sind einem deswegen Ihre Figuren so sympathisch. Sie wirken unheimlich geerdet, greifbar …
Ja, man muss auch nicht auf Distanz gehen. Weil die einen nicht behelligen mit Kram, den man auch kennt. Das ist meine Sicht auf die Dinge und die Menschen. So wie ich meine Helden darstelle, zeichne ich sie selbstverständlich immer in irgendeiner Form als mein Alter Ego. Das ist ja klar, jeder Schriftsteller spricht letztlich von sich selber …

In „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ teilen sich die drei Protagonisten dann Ihre Eigenschaften?
Ja, natürlich. Und alle drei umkreisen ja letztlich dasselbe Thema. Bei diesem Buch geht es um die Frage, wann der Einzelne sich der Macht der Umstände widersetzen soll, um seinen eigenen Weg zu gehen. Obwohl die Macht der Umstände ja immer mächtiger ist als der Einzelne, das heißt, der Einzelne hat immer den Preis dafür zu bezahlen, wenn er eigensinnig genug ist, seinen Weg zu gehen. Und das machen die Drei alle, auf ihre Weise, in einer Epoche, die eine sehr mächtige war. Die Zwanziger- und Dreißigerjahre – da standen meine Helden zu dramatischen Zeiten vor großen Entscheidungen. Es ist bestimmt auch eines meiner Lebensthemen. Ich bin jetzt 52, aber in meinem Herzen bin ich immer noch 15 und rebelliere und will meinen Weg gehen, das ist so.

Waren Sie, als Sie 15 waren, noch in Paris oder schon in Olten?
Nein, da war ich in Olten. Wir sind, als ich fünf oder sechs war, in die Schweiz gekommen.

Frankreich ist aber immer noch ein großes Thema für Sie, oder?
Ja, ich hab‘ auch viel Verwandtschaft in Frankreich. Ich bin oft in Frankreich und fühle mich aber, wenn ich in Frankreich bin, so schweizerisch wie nie, wenn ich in der Schweiz bin. Und umgekehrt.

Sie haben die Umstände erwähnt und die Zeitgeschichte, die in Ihren Romanen eine große Rolle spielt, die schwierigen Zeiten, in denen Ihre Romane spielen. Dennoch liegt über allem, alles besiegend eine positive Leichtigkeit, ein Optimismus, der all die Kriege und Krisen übertönen kann.
Ja, ich glaube schon. Ich meine, jeder Schriftsteller schreibt so, wie er ist, wie denn sonst. Und ich bin von meinem Wesen her ein fröhlicher Melancholiker – wie jeder vernünftige Mensch. Wenn ich frühmorgens aufstehe und spazieren gehe, dann ist meine erste Empfindung eigentlich, dass die Welt eher ein Garten ist als ein Dschungel und die Menschen einander eher Brüder sind als Wölfe. So lebe ich. Ich bin nicht naiv, ich weiß schon, dass Schreckliches geschieht auf der Welt. Aber wenn ich mit meinem Kleinsten und dem Kinderwagen zu Coop runterfahre, um Milch und Brot zu kaufen, dann ist die Welt erstmal für mich in Ordnung. Das ist mein Lebensgefühl, das stimmt, und das spiegelt sich zweifellos in meinen Büchern wider.

Und das Zeitgeschehen ist ein wichtiger Gesichtspunkt, Vergangenes zu transportieren …
Natürlich! Wir stehen alle in der Zeit, in der wir leben. Ich finde, man hat auch eine Aufgabe, zu wissen, woher man kommt, und die heutige Zeit erklärt sich nur durch die Vergangenheit. Ja, wir stehen alle in der Zeitgeschichte – wir verstehen sie einfach nicht, wenn wir unten am Boden sind. Aus der Vogelperspektive oder in der Rückschau kann man sie zuweilen verstehen. So, nehme ich an, ist es zu jeder Epoche jedem ergangen. Mein Held Léon zum Beispiel in „Léon und Louise“, der in Paris den Einmarsch der Wehrmacht beobachtet und erst gar nicht versteht, was das für Soldaten sind, die da kommen! Unten auf dem Kopfsteinpflaster, da sieht man keine strategischen Bewegungen, man sieht nur einen Panzer und einen Soldaten, der einen Apfel isst und man denkt sich: „Ja, Moment, der hat ja die falsche Uniform an, das ist keiner von uns!“ Unten auf dem Boden sieht man das Weltgeschehen einfach nicht. Ich finde es umso interessanter, es dann auch mal so darzustellen.

Jetzt haben Sie gerade gesagt: „mein Held Léon“. Man spricht ja nur allzu leicht von „Helden“, wenn man die Protagonisten eines Romans meint. Sind Ihre Protagonisten denn tatsächlich Helden?
Für mich sind sie Helden. Ich mag sie auch. Ich mag alle meine Hauptfiguren, meine Protagonisten. Und ich stelle sie auch so dar, dass ich in der Lage bin, sie hernach zu bewundern. [Lacht.] Das habe ich ja in der Hand.

Was macht sie denn zu Helden?
Das ist sehr verschieden. Léon zum Beispiel macht sich für mich zum Helden, weil er die Ernsthaftigkeit aufbringt, die Treue und Loyalität, auch unter großen Schwierigkeiten lang anhaltende Beziehungen zu pflegen. Mit seinen zwei Frauen beispielsweise, die er in Würde und Anstand aneinander vorbeibringt – das ist ja keine einfache Aufgabe, nicht wahr? [Lacht.]

„Mein Nachbar Urs“ sowie das Hörbuch zu Ihrer Amerika-Reisereportage „Skidoo“ haben Sie selbst für uns im Studio eingesprochen. Was war das für eine Erfahrung?
Erstmal hab‘ ich zu schätzen gewusst, dass ich nicht ins Studio nach München musste, weil es bei mir im Städtchen ein professionelles, sehr schönes gibt. Ein Freund von mir betreibt es und seine Frau macht ‘was zu essen in den Pausen … so ist es eine schöne Umgebung, wo ich mich wohlfühle. Ansonsten entdeckt man natürlich einen Text wieder für sich neu, wenn man ihn zum Besten geben soll. Wenn ich mal fertig bin mit Schreiben, offen gestanden, ist das Letzte, was ich tue, meine alten Bücher wieder anzuschauen und mich selber zu bewundern, was ich da Schönes gemacht hätte. Deswegen hab‘ ich sie ja geschrieben: damit ich sie hinter mir lassen kann, diese Geschichten … Aber auch während ich einen Roman schreibe und überhaupt nicht ans Hörbuch denke, lese ich mir oft Dinge laut vor. Wenn sich etwas vortragen lässt, dann hat es die notwendige Schlichtheit. Ich will es nicht zum Dogma machen, aber: Für mich ist es so, dass Sprache eigentlich etwas Gesprochenes ist. Dass die gesprochene Rede eigentlich das Vorbild sein soll. Und größtmögliche Eleganz entsteht, wenn man sich soweit als möglich der gesprochenen Sprache im Schriftlichen annähert.

Interview/Fotos: Teresa Grenzmann/der Hörverlag

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