Blog-Tagebuch: Bernhard Aichner trifft Christian Berkel

Am 28. November verbrachte der österreichische Autor Bernhard Aichner einen Tag mit unserem Sprecher Christian Berkel im Studio bei den Aufnahmen zu seinem Thriller Totenfrau, der am 10. März als Hörbuch erscheint. Hier bloggt er seine Eindrücke:

Bernhard Aichner_(c)fotowerk aichner_4TOTENFRAU- Hörbuchaufnahmen in Berlin
28. November 2013

Nach einer langen Nacht aus dem Taxi gestiegen. Mit dem Filmproduzenten, der die Totenfrau produzieren wird um die Häuser gezogen, in das Nachtleben von Berlin eingetaucht, von der Zukunft geträumt, mit dem Produzenten gesponnen und getrunken. Totenfrau als Film. Bald.

Zuerst aber der Morgen danach. Mit dem Taxi in die Koethener Straße Nähe Potsdamer Platz. Hier wird im Studio Audioberlin die Totenfrau aufgenommen. Ich darf zuhören, wenn heute der wunderbare Christian Berkel, einer großartigsten Schauspieler Deutschlands, Totenfrau einlesen wird. Ich steige aus dem Taxi, bin aufgeregt, Berkel kennen zu lernen, zu hören was er aus meinem Text macht, wie es klingt, wenn ein Profi meine Noten singt. Für mich ist Schreiben auch wie etwas zu komponieren: mit meiner Sprache schreibe ich Musik, Rhythmus und Tempo sind mir wichtig. Die richtigen Wörter an der richtigen Stelle produzieren einen wunderbaren Klang. Diesen Klang werde ich hören, wenn Berkel die ersten Sätze liest, das erste Kapitel der Totenfrau. Aufregend ist das – alles kann passieren, alles kann passieren. Ich kenne Berkels Stimme aus dem Fernsehen. Seit Jahren schaue ich seine Serie Der Kriminalist im ZDF, ich kenne ihn aus anderen Filmen, bin begeistert von ihm. Berkel ist für mich die ideale Besetzung für dieses Projekt. Ich bin überzeugt davon, dass er der Totenfrau und all seinen Figuren auf wunderbare Weise Leben einhauchen wird.

Dritter Stock, Audioberlin also, ich werde freundlich empfangen, wir warten auf Christian Berkel, der kurze Zeit später gut gelaunt eintrifft und ohne großes Trara loslegt. Ein sehr sympathischer Mann, keine Starallüren, sehr freundlich. Berkel spricht sich noch kurz mit unserem Regisseur Wolf-Dietrich Fruck ab. Wir sprechen über die Färbungen der Stimmen der einzelnen Protagonisten: wer spricht wie, gibt es Dialekte, wie stark sind die Dialekte, wie zeichnet Berkel die Figuren? Kurz und bündig, kein stundenlanges Gespräch, der Regisseur kennt Berkel, er weiß, dass Berkel seine Vorschläge wunderbar umsetzen wird. Berkel setzt sich in die Kabine und liest.

Ich sitze neben Regisseur und Tontechniker und höre zu. Wie es klingt ist wundervoll, was ich höre, übertrifft all meine Erwartungen. Christian Berkel ist ein begnadeter Sprecher, der Beginn des Romans wird zum Erlebnis. Auch wenn ich diesen Text schon unzählige Male gelesen und überarbeitet hatte, in diesem Moment ist es eine ganz neue Erfahrung. Berkel gibt meinen Figuren seine Stimme, er erweckt sie auf seine ganz eigene Weise zum Leben. Das ist sehr berührend, spannend, aufregend.

Als Autor ist man mit seinem Text allein. Lange Zeit nur sie und ich. Alles, was sie erleben, worin sie sich verstricken, da waren immer nur meine Helden und ich. Bis das Buch fertig ist, das Manuskript aus dem Lektorat kommt, bis es gesetzt wird, und dann in die Welt hinaus geht. Es wird gelesen, es wird kritisiert, es wird gehasst oder geliebt, all das ist spannend. Aber noch viel spannender ist eben dieser Moment, in dem der Autor sein Werk in die Hände eines anderen legt, der dieses interpretiert. So viel kann passieren, so viel kann schief gehen, so viel kann gelingen. Im Fall des Hörbuchs Totenfrau ist alles geglückt. In Berlin in diesem Studio zu sitzen, ist nichts als Freude. Die Zusammenarbeit zwischen Christian Berkel und dem Regisseur Wolf-Dietrich Fruck läuft ebenso still und professionell wie alles andere in diesem Studio. Die Stimmung ist entspannt, hier arbeiten Profis. Wenige Worte genügen und der Text klingt anders – was wie ein perfekt einstudiertes Ensemble wirkt, entsteht genau in diesem Moment.

Totenfrau, mein neuer Roman, wird zum Hörbuch (verlegt im wunderbaren Hörverlag). Das begeistert mich. Ich fühle mich wie ein Erstleser. Ich höre mein Werk, ich sitze in dieser Ledercouch und genieße es. Einen ganzen Tag lang darf ich zuhören, wie etwas Großartiges entsteht. Eine Symbiose zwischen meinem Text, der wunderbaren Stimme von Christian Berkel, seinem Gefühl, der Arbeit des Regisseurs und des Tontechnikers. Die Geschichte atmet, ich sehe alles vor mir wie in einem Film. Was ein Hörbuch kann, hört man hier. Man sieht nichts, keine Gestik, keine Mimik. Es sind nur Stimmen – eine Stimme, Christian Berkels Stimme, die so vielfältig ist. Ich bin mittendrin in diesem Text, in diesem Buch. Blum, die Heldin dieses Buches, sitzt neben mir, sie weint, sie schreit, sie schlägt um sich. All die Emotion, die mir so wichtig ist, der Motor für diese Geschichte, für diesen Roman, ich spüre sie. Die Liebe zwischen meinen Helden, der Schmerz den Blum spürt, der sie antreibt, der sie alles tun lässt, was in diesem Buch passiert, er ist da. Spürbar. Sogar jetzt bei den Aufnahmen, zwischen Mikrophonen, Regieanweisungen und Lautsprecherboxen.

Besonders das Gefühl begeistert mich, die Art und Weise wie Berkel spricht. Da sind keine Markierungen in seinem Manuskript, keine Hebungen und Senkungen, nichts das ihm vorgibt wie er es zu sprechen hat. Christian Berkel erzählt mir dann in einer Pause, dass er darauf verzichtet, weil er sich vom Moment leiten lassen will und sich durch persönlich vorgegebene Regieanweisungen nichts verbauen will. Und es ist tatsächlich so, Berkel lebt den Moment, er erspürt den Text, er entscheidet genau in dem Moment in dem er liest, wie er es liest, wie viel er in eine Figur hinein legt, wie laut, wie leise er meine Figuren sprechen lässt. Ich sehe ihn hinter dem Studiofenster und bin begeistert, all meine Erwartungen werden mehr als erfüllt.

Ich könnte noch lange hier sitzen bleiben und weiter zuhören. Einen ganzen Roman lang, und wieder von vorn. Ich habe des Gefühl, dass mein Buch hier angekommen ist, dass es in guten Händen ist, dass alles, was bald auf CD gebrannt wird, dem entspricht, was ich mir so gewünscht habe. Totenfrau perfekt inszeniert, wunderbar gesprochen, bereit zu verzaubern, zu erschüttern, zu bewegen.

Ich wünsche allen Hörern des Hörbuches ebenso viel Spaß wie ich hatte. Lasst eure Vorfreude wachsen, es wird großartig. Der Studiotag war eine Wucht, die Vorfreude auf das, was kommen wird ist noch größer geworden. Glücklich und beschwingt steige ich wieder in mein Taxi, ich fahre wieder zurück in mein Schreibzimmer. Zurück in meine stille Welt, in der ich wieder mit meinen Figuren allein bin. So lange bis Christian Berkel meine Figuren das nächste Mal zum Leben erweckt. Im März 2014. Wenn Totenfrau erscheint.

Bernhard Aichner

Fotos: © fotowerk aichner

Diesen Artikel teilen: Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone