Bernhard Aichner im Gespräch zu seinem neuen Hörbuch „Totenfrau“

Wir haben den österreichischen Autor Bernhard Aichner getroffen und mit ihm über seinen neuen Thriller „Totenfrau“ gesprochen. Der erscheint am 10. März – gelesen von Christian Berkel

Heute schon eine Wand beschrieben?
Nein, aber es würden sich viele Wände anbieten, sie mit meinen Geschichten vollzuschreiben. Ich liebe Handschriften und habe einige meiner Bücher mit Hand geschrieben, bevor ich sie abgetippt hab‘. Schriftbilder finde ich schön, da kam irgendwann die Idee, dass man das auch in Büros, in Wohnungen, öffentlichen Räumen machen könnte.
[Wenn Bernhard Aichner Wände beschreibt, sieht das so aus.]

Schreiben Sie mit Konzept oder aus dem Bauch heraus?
Das Konzept ist sehr wichtig bei mir. 80 bis 90 Prozent der Geschichte steht eigentlich. Ich überlege vorher drei, vier Monate, bevor ich zu schreiben beginne. Und wenn’s dann losgeht, dann rinnt’s eigentlich dahin, bis es alles im Glas ist.

So atemlos Ihre Sprache ist, so atemlos liest man auch – von Seite 1 an entwickelt dieser Krimi einen ungeheuren Sog. Wie stellen Sie sich die Lesung mit Christian Berkel vor?
Die Sprache dieses Buches gibt ja Einiges schon vor durch diese Aneinanderreihung der vielen Hauptsätze und den Rhythmus. Ich glaub‘, dass das Christian Berkel wunderbar sprechen und einlesen wird. Dass das eine schöne Symbiose wird. Freu‘ ich mich drauf.

  Bernhard Aichner und Christian Berkel bei den Hörbuch-Aufnahmen in Berlin         (c)Uwe Tölle

Bernhard Aichner und Christian Berkel bei den Hörbuch-Aufnahmen in Berlin ©Uwe Tölle



Was fasziniert Sie so an toten Menschen?

Ich bin da irgendwie reingerutscht in dieses Thema. Ich habe in einem Bestattungsinstitut mitgearbeitet und dort mit toten Menschen zu tun gehabt, war bei der Versorgung der Leichname mit dabei. Und das war eine sehr demütige Erfahrung für mich. Um das Leben auch vielleicht ein bisschen mehr zu schätzen, ist es wichtig, den Tod Teil des Lebens werden zu lassen. Das war für mein Leben sehr spannend. Und dann natürlich auch für den Roman, weil die Heldin Bestatterin ist und der Tod für sie Alltag ist, etwas ganz Natürliches, von klein auf. Sie wächst ja in diesem Bestattungsunternehmen auf – das ist zwar nicht immer schön, weil sie das Pech hat, keine liebevollen Eltern zu haben, aber das Thema „Tod“ ist kein Tabu – und das ist spannend.

Wie kommt man an einen solchen Praktikumsplatz im Bestattungsinstitut?
Ich habe dort angefragt und bin auf eine Bestatterin getroffen. Das ist in einem sehr männlich dominierten Beruf eher selten, es gibt in Österreich, glaube ich, drei Bestatterinnen. Sie war begeistert von der Idee, dass ich einen Roman schreibe und die Figur Bestatterin sein wird. Sie hat mich sehr behutsam in das Thema eingeführt – von einer toten alten Dame im weißen Leinenkleid bis hin zu anderen Dingen, die ich da so gesehen hab‘ …

… und dann im Nachhinein aufgeschrieben haben?
Ich hab‘ natürlich nicht alles da erlebt und gesehen. Aber viele Sachen, die ich da gespürt und erlebt hab‘, stehen in dem Buch. Da ist Recherche einfach wichtig, wichtig, wichtig. Man schreibt in Kriminalromanen über Leichen usw., und ich wollte einmal spüren, wie das ist.

Dass Ihre Protagonistin Blum eine Frau sein wird, war Ihnen aber schon vor dieser Begegnung mit der Bestatterin klar?
Die Figur war irgendwann da. Ich habe noch nie eine Frauenfigur geschrieben und wollt‘ das einmal ausprobieren, weil es immer spannend ist, etwas Neues zu machen: Wie schreibt man die Dialoge, wie erzähle ich das Ganze und wer ist meine Figur? Es war die Frage, die Herausforderung an mich: Kann ich das, eine Frau schreiben? Und alle Damen, die’s bis jetzt gelesen haben, haben gesagt: Das passt so. [lacht] Aber wir haben ja alle irgendwie diese weiblichen Anteile, wir Männer. Wenn man die ein bisschen rauslässt, dann fühlt sich das bestimmt richtig an.

Die Erfahrungen im Bestattungsunternehmen sind bestimmt nicht spurlos an Ihnen vorbeigegangen?
Es war meine Angst vor dem Tod … Hat ja jeder, man schiebt es so weg, und dann ist er plötzlich da. Und es war erstaunlich einfach, das in mein Leben zu integrieren. Die Angst war gleich wie weggeblasen. Und irgendwann war es war dann das Normalste, dass ich einer alten Dame die Haar wasche. Das war eigentlich eine schöne Arbeit. Ich hab‘ mich zwar gefragt, was tu‘ ich da, warum tu‘ i das? [lacht] Aber es war schön.

Einer muss es tun.
Einer muss es tun, ganz genau. Und irgendwann liegen wir alle auf dem Aluminiumtisch. Dass man sich davor nicht fürchten braucht, ist gut zu wissen.

Nach acht Büchern – die meisten davon Krimis – würden Sie sich da als „abgebrüht“ bezeichnen?
Die Welt ist so schlecht, wenn man die Zeitung aufschlägt und sieht, was da alles passiert … so viele verrückte und grausame und schreckliche Dinge können mir gar nicht einfallen! – In den letzten Büchern hab‘ ich mich dem Ganzen mit Humor genähert. Bei der „Totenfrau“ wollte ich die Leser und Leserinnen, die Hörerinnen packen und berühren. Eigentlich wollte ich eine Liebesgeschichte schreiben. Diese Liebesgeschichte ist dann zum Thriller geworden. Aber sie ist sehr, sehr, sehr, sehr wichtig, praktisch Motivation und Motor für das Ganze, was passiert.

Hier steht als letzte Frage: „Wenn ich behaupte, das Buch ist eigentlich und in erster Linie eine Liebesgeschichte – widersprechen Sie mir da?“
[lacht] Nein, eben. Für mich ist es schon eine große Liebesgeschichte. Es ist eine gute Mischung, wie’s im Leben halt auch ist, dass nicht alles heiter und schön ist. Ich war beim Schreiben selber manchmal sehr gerührt. Das ist das Tolle, wenn das einem Autor gelingt: dass man mit dem, was man schreibt, wirklich was bewegt. Dass man Menschen bewegen kann. Wenn mir Leute gesagt haben, sie haben beim Lesen weinen müssen, dann ist das schön, dann ist das ganz ‘was Tolles.

Eigentlich schade für einen Autor eines solchen Pageturners, wenn er so viele Monate an einem Buch gearbeitet hat, das seine Leser dann an zwei Abenden verschlingen, weil es so spannend ist …
…aber auch, dass mir selbst beim Schreiben nicht langweilig wird. Ich habe es immer gehasst, Bücher zu lesen, wo es mich nicht mehr gepackt hat. Auch wenn es literarische Texte sind, sollten sie spannend sein. Ich möchte gern unterhalten mit dem, was ich mache. Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres als zu langweilen. ‘Was zu erzählen, ist ‘was Schönes. Ich habe als Kind gern Märchen gehört und höre gern Geschichten, die funktionieren und die vorangehen, wo man ‘was kriegt als Leser.

Ungefähr auf der Hälfte des Buches, auf der Hälfte ihres Rachezuges gegen die Mörder ihres Mannes, die jahrelang drei Menschen aufs Brutalste gefangen gehalten und misshandelt haben, sagt Blum: „Dass es so einfach sein kann, habe ich nicht gedacht.“ Und später beschließt sie: „Was sie tut, ist notwendig.“ Hat Blum ein Recht auf Rache?
Das Motiv braucht’s. Den Motor, dass man überhaupt zu denken wagt: Kann ich jemanden umbringen, bin ich dazu in der Lage, wann bin ich das, was muss passieren? Dass einem der liebe Mensch an seiner Seite gestohlen wird, ist natürlich ein großes Motiv. Dazu kommt noch, dass die, die ihr ihren Mann genommen haben, die Bösen waren. Das Verbrechen, das da noch dahintersteckt, ist so grausam und schrecklich – da gibt es dann – auch für den Leser – kein Zögern mehr. Kein Mitleid, kein Mitgefühl. Ich glaube, dass es leichter wird, wenn man mal den einen Schritt gemacht hat – wie bei allem. Wenn man einen umgebracht hat, ist es vielleicht nicht mehr so schlimm, einen zweiten umzubringen. – Denk ich mir. – Das klingt wild. [lacht] Sie kommt da nicht mehr raus, sie kann die Uhr nicht zurückdrehen. Und dann ist alles, was noch passieren wird in diesem Buch, notwendig. Es geht nicht anders: Sie muss es bis zum Ende durchstehen oder: durchziehen. Das natürlich ist wild, aber notwendig.

Interview: Teresa Grenzmann/der Hörverlag
Fotos: ©Uwe Tölle

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